Horrordusche in Ecuador.
Ein Jahr Garantie steht auf dem Plastikkörper des Brausekopfes, fragt
sich nur, wofür!
Quelle: phrakt (flickr.com), veröffentlicht unter Creative
CommonsLizenz 2.0
Wer durch Südamerika reist und dabei nicht primär in
Luxusherbergen nächtigt, kann ihr kaum entkommen. Jeden Morgen kehrt sie
wieder, spätestens dann, wenn man im Bad steht, nackt, und den Blick hilflos
nach oben richtet. Diese unglaubliche Angst, diese tiefe Furcht - vor der morgendlichen
Dusche! In diesen Momenten stellt sich – frei nach Hamlet - stets die
gleiche Frage: lieber den Schock des eiskalten Wassers ertragen oder für
etwas warmes Wasser einen Stromschlag riskieren?
Salento in der kolumbianischen Cordillera Central, dem zentralen
Gebirgszug der hier dreigeteilten Anden. Das kleine Dorf ist ein idealer Ausgangspunk
zu Touren ins Valle del Cocora mit seinen majestätischen Wachsplamen und
zu den schneebedeckten Vulkanen des “Los Nevados”-Nationalparks.
Ich wohne hier in einem traditionellen, zweigeschossigen Haus direkt an der
Calle Real, der “Hauptstraße” des Ortes. Wände aus Holz,
Guadua (eine Bambusart), Stroh und Lehm, die Holzladen der Fenster und die
Türen sind orange gestrichen. Zu den Schlafzimmern im ersten Stock gelangt
man über eine hölzerne Veranda. Zum Duschen müssen wir allerdings
stets hinab ins Erdgeschoss. Dort befindet sich der “Duschraum”:
ein grauer Betonquader, seitlich an die Veranda geflanscht. Also Badelatschen
an und runter! Die rohen Betonwände der Nasszelle sind vielleicht 1,85
Meter hoch, zwischen der Oberkante der Wände und dem Blechdach fällt
durch einen vielleicht 25 Zentimeter schmalen Spalt das Tageslicht herein.
Wer mehr Licht braucht, muss es sich beizeiten überlegen: Unter dem Dach
der Dusche hängt eine nackte Glühbirne, ist man aber einmal unter
der Dusche, ist der Lichtschalter dazu unerreichbar: er befindet sich an der
Wand außerhalb der Duschkammer. Oben ragt ein Rohr waagerecht bis in
die Mitte der vielleicht anderhalb Quadratmeter großen Kabine. Es endet
in einem schneeweißen Plastikduschkopf, auf dem ein großer, hellblauer
Schalter prangt. Eine blaues und ein weißes Kabel entspringen aus der
Betonwand, winden sich wie Lianen um das Rohr bevor sie in dem Duschkopf verschwinden.
Die letzten Millimeter der Kabel glitzern verdächtig wie Kupfer. An der
Wand gibt es nur eine Armatur. Dreht man sie auf, sprudelt das Wasser aus dem
Duschkopf.
Exemplar einer elektrischen
Dusche in Peru.
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Hier in Salento kommt das Wasser direkt aus den Bergen. Es ist
klar, sauber, wohlschmeckend – und eiskalt. Schmerzhaft protestiert meine Kopfhaut,
als sie von den ersten Wassertropfen getroffen wird. Instinktiv springe ich
aus dem Duschstrahl. Warmes Wasser, ein Königreich für warmes Wasser!
Mißtrauisch beäuge ich die Installation über mir, allein der
Gedanke, H2O mit elektrischem Strom zu vermischen und mich dann unter dieses
spannungsgeladene Gemisch zu stellen, lässt mich noch mehr frösteln.
Todesmutig schiebe ich vorsichtig den hellblauen Schalter an dem weißen
Duschkopf in die Richtung des roten Punktes, neben dem das Wort “Hot” aufgebracht
ist – dabei immer peinlich genau darauf achtend, dass meine nassen Hände
nicht in die Nähe der blanken Kabelenden gelangen. Über mir beginnt
es zu brodeln – es hört sich an wie ein Tauchsieder kurz vor der
Explosion. Es kommt immer weniger Wasser aus der Brause - und es beginnt über
mir zu dampfen. Auf einmal beginnt ein warmer Regen auf mich zu rieseln. Der
Jubelschrei eines Warmduschers wird von den Betonwänden der Duschkabine
verschluckt. Dann rutscht mir die Seife aus den Händen. Scheiße!
Schon will ich mich bücken, und die Seife aufheben. Gerade noch rechtzeitig
fällt mir die Warnung der Wirtin ein: wenn der elektrische Duschkopf eingeschaltet
ist, bloß nicht Wände und Boden der Kabine berühren: Stromschlag
droht! Ich dusche ohne Seife zu Ende – aber mit warmem Wasser!
Wie eine bedrohliche
Baumschlange baumelt das Stromkabel an dem Wasserrohr. Diese Dusche befindet
sich in einem Hotel in der kolumbianischen Provinz.
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Auf elektrische Duschen wie diese stößt man überall in Lateinamerika:
in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien oder Brasilien. Vor allem in preiswerteren
Herbergen, aber nicht nur dort. Seltsamerweise befinden sich die neuesten und
vertrauenserweckendsten Exemplare dieser Gattung meistens in Orten mit wärmerem
Klima, wo man auf heißes Duschwasser gerne verzichtet. Dagegen sind die
abenteurlichsten Konstruktionen mit wirrem Kabelsalat ohne Isolation , deren
bloßer Anblick einem schon den elektrischen Schauer über den Rücken
laufen lässt, mit Sicherheit fast immer dort installiert, wo eiskaltes
Bergwasser die Wasserleitungen speist – Murphy lässt grüßen!
Und auch wenn der Reisende dann todesmutig einen dieser Apparate unter Strom
gesetzt hat, hofft er meist vergeblich auf wirklich heißes Duschwasser.
Selbst wenn der Wärmeregler bis zum Anschlag der roten Markierung geschoben
ist, tröpfelt in der Regel bestenfalls lauwarmes Wasser aus den Brauseköpfen.
Nicht ohne Grund gilt in den Anden bei Backpackern und Globetrottern die stolz
neben dem Hotelnamen geschriebene Ankündigung “Hay agua caliente” (Warmwasser
verfügbar) nur als Synoym für “Hay agua no helada”: nicht
mehr ganz eiskaltes Wasser verfügbar!
Warmduscher leben gefährlich.
Diese These wird von dieser peruanischen Brausemöglichkeit jedenfalls
eindrucksvoll untermauert.
Quelle: phrakt (flickr.com), veröffentlicht unter Creative
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Schmerzhaft kann sich auch die niedrige Einbauhöhe vieler Brausen bemerkbar
machen. Gerade in den bolivianischen und peruanischen Bergregionen sind die
Duschköpfe vielerorts kaum höher als 1,65 oder 1,70 Meter über
dem Boden installiert. Das mag für die meisten Einheimischen ausreichen,
doch bei Durchschnitteuropäern machen da der Kopf oder auch das ein odere
andere sonstige Körperteil ganz schnell Bekanntschaft mit dem Duschkopf,
der Wasserleitung oder – die ungünstiste aller Möglichkeiten
- den bunten Kabeln.
Doch allen Gefahren zum Trotz: spätestens beim zweiten Duschbad entscheidet
sich fast jeder, das Risiko mit den elektrischen Duschen – zumindest
einmal - in Kauf zu nehmen. Denn die Vorstellung, sich noch einmal die Haare
mit eisigem Wasser waschen zu müssen, ist einfach um einiges schrecklicher
als die Angst vor den wirren Installtionen und Beulen an Kopf und Gliedern.
Bisher jedenfalls –so erzählt man sich - sollen (fast) alle Warmduscher
ihre Abenteuer mit den andinen Horrorbrausen ohne größere Blessuren überlebt
haben – ich übrigens – wie man sieht - auch.
Titelfoto:
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