Kurz nach Sonnenaufgang sattelte der junge Baudilio Bustos sein
Pferd. Wie jeden Morgen brach er auf, um auf seiner Estancia „La Majadita“ nach
dem Rechten zu sehen. Vor allem um die hochträchtige Stute würde
er sich heute kümmern müssen. Die Geburt des Fohlens war seit Tagen überfällig.
Pferde waren seit jeher Baudilios Leidenschaft. Und er hatte ein Händchen
für die Zucht. Die Pferde von „La Majadita“ galten als die
Besten, die man zwischen Caucete und San Juan bekommen konnte. Die schönen,
kräftigen Tiere waren ein einträgliches Geschäft. Mehr noch
als seine Pferde liebte Baudilio nur seine Familie! Seit kurzem waren sie zu
Dritt. Sehnsüchtig dachte er an seine wundervolle Frau Deolinda Correa
und seinen neugeborenen Sohn. Der Kleine musste getauft werden, daher war die
junge Mutter vor ein paar Tagen mit dem Baby nach San Juan aufgebrochen. Ein
zuverlässiger Peón begleitete die beiden. Dennoch war Baudilio
besorgt.
Es waren unruhige Zeiten. Es herrschte Bürgerkrieg in den Vereinigten
Provinzen des Río de la Plata. Unitarier und Föderalisten kämpften
auch im Jahr 1841 noch immer erbittert um die Macht. Truppen beider Kriegsparteien
verbreiteten in der Cuyo-Region im Westen des Landes Angst und Schrecken. Generäle
wie Aldao, Espinosa, de Hacha, Lamadrid oder Quiroga befahlen ihren Männern
Ortschaften zu überfallen, um die jungen Männer zum Kriegsdienst
in ihre Reihen zu pressen. Rücksichtlos plünderten die Kämpfer
Dörfer und Estancias, um sich mit Pferden, Waffen und Lebensmitteln zu
versorgen. Nichts, gar nichts, war vor dieser marodierenden Soldateska sicher!
Endlich fand Baudilio die trächtige Stute. Sie lag schon in den Wehen.
Mit vereinten Kräften brachten sie das Fohlen zu Welt. Zufrieden betrachtete
der junge Mann die Stute, die ihr Neugeborenes sanft von den Resten der Fruchtblase
befreite.
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„
Genau Dich und deine Pferde suchen wir!“ - Eine schneidende Stimme ließ Baudilio
herumfahren. Er blickte direkt in die Mündung einer Pistole ein Anblick,
der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Hinter der Pistole saßen
einer Handvoll wilder Gestalten auf verstaubten, verschwitzten Pferden. Die
Reiter hatten sich unbemerkt genähert, während er der Stute geholfen
hatte.
„Wir haben den Befehl, Pferde, Waffen, Proviant und dein Geld zu konfiszieren.
Bring uns zu deinem Haus!“ sagte der Kerl mit der Pistole, offenbar ihr
Anführer. Er trug die Rangabzeichen eines Coronels.
„
Von wem stammt dieser Befehl?“, fragte der überrumpelte Baudilio.
„
Von General Facundo Quiroga, dem Tiger der Llanos! Und nun los!“
Unbändige Wut ergriff Baudilio. Er schlug dem Coronel die Pistole aus der
Hand, riss seinen Dolch aus dem Gürtel und schrie den Angreifern entgegen: „Zurück!
Dies sind meine Pferde! Ich werde es niemals zulassen, dass Ihr sie mir raubt!“
Der Coronel schäumte. „Fasst ihn mir! Lebend!“, befahl er seinen
Schergen. Baudilio kämpfte wie ein Stier, aber gegen die Übermacht
der Angreifer hatte er keine Chance. Sie fesselten ihn und schleiften ihn zu
seinem Hof. Wie die Wandalen fielen die Soldaten in das Haus ein, warfen Schränke
um, zerstörten das Mobiliar, stahlen alles Wertvolle, trieben sämtliche
Pferde, derer sie habhaft werden konnten, zusammen und waren immer noch nicht
mit ihrer Beute zufrieden: „Wo ist dein Silber? Wo sind deine restlichen
Pferde?“
Baudilio schwieg. Brutal schlugen sie ihn zusammen. „Dann nehmen wir dich
Stück Scheiße eben mit nach La Rioja“, fuhr ihn der Coronel
an. „Du wirst sehen: dort wirst du dann schon singen!“ Sie banden
den schwer verletzten Baudilio auf ein Pferd und ritten los.
Als am Abend die Sonne die Gipfel der Anden küsste, hatte sich dort, wo
noch vor wenigen Stunden das blühende Zuhause von Baudilio und Deolinda
gestanden hatte, längst die beklemmende Stille der Wüste ausgebreitet.
Bereits vor einigen Tagen war sie sicher in San Juan angekommen. Die zierliche
Frau genoss die Zeit mit ihrer Schwester und ihrem geliebten Vater, Don Pedro
Correa. Mit ihrem Elternhaus, einem schönen Gebäude im kolonialen
Stil, verband sie viele schöne Erinnerungen. Gerade zu ihrem Vater,
einer einflussreichen und geachteten Persönlichkeit in San Juan, hatte
sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter eine besonders innige und herzliche
Beziehung. Schnell waren alle Vorbereitungen zur Taufe des kleinen Sohnes
getroffen,
die bald darauf vollzogen wurde.
An einem Nachmittag ging Deolinda in den herrlichen Patio des
Hauses. Der betörende Duft des Jasmin zog sie wie magisch an. Als sie
in den Hof trat, ließ eine eisige Brise sie erschauern. Verstört
schaute die junge Frau in den Himmel. Es war die Stunde, als einige Dutzend
Meilen entfernt die Kämpfer Quirogas „La Majadita“ verwüsteten
und ihren Mann Baudilio verschleppten.
Einige Tage später stand ein Peón der Estancia vor
der Tür. Er hatte sich vor den wütenden Soldaten retten können
und berichtete mit bebender Stimme, was vorgefallen war: „Sie haben alles
geraubt, alles zerstört. Und sie haben Don Baudilio nach La Rioja mitgenommen.“
Deolinda brach zusammen. Sie machte sich schwerste Vorwürfe: „Warum
bin ich nicht zuhause gewesen, als Baudilio mich so dringend brauchte! Wer
kümmert sich jetzt um ihn, wer pflegt seine Wunden?“ Die Angst um
ihren Mann ließen sie weder tags noch nachts Ruhe finden. Tiefe Trauer
zeichnete ihr feines, schönes Gesicht. Eine innere Stimme wiederholte
immer wieder und wieder: „Du musst deinen Mann suchen und ihm helfen,
Deolinda!“
erzweifelt suchte die junge Frau Trost und Rat bei ihrem alten
Beichtvater, Padre Sarmiento. Doch diese innere Kraft, diese Liebe zu ihrem
Mann, war stärker als alles andere. Schließlich wusste Deolinda,
dass es nur einen Weg für sie gab. Sie würde den Truppen folgen,
die ihren Baudelio entführt hatten. Sie musste ihren Mann finden, trotz
der Gefahren, die in der Wüste oder durch die umherziehenden, marodierenden
Truppen drohten. Sie würde den General Facundo Quiro, finden und ihn auf
Knien um Gnade für ihren Mann anflehen! Sie würde alles für
Baudelio tun. Vergeblich versuchte Padre Sarmiento, die verzweifelte Frau von
ihrem Vorhaben abzubringen. Er konnte ihr nur noch seinen Segen mit auf den
Weg geben.
In der folgenden Nacht band Deolinda Correa heimlich einige Habseligkeiten,
etwas Proviant und zwei Wasserschläuche zu einem Bündel. Im Morgengrauen
wickelte sie Ihren Sohn in einen roten Poncho ihres Mannes, band ihn sich auf
den Rücken und schulterte das Bündel mit den Vorräten. Vorsichtig
und ohne jemanden aufzuwecken lief sie über die Veranda und schloss die
schwere Holztür ihres Elternhauses leise hinter sich. Sie atmete noch
einmal tief durch. Dann verließ sie mit festem Schritt San Juan in östlicher
Richtung, dorthin wo hinter dem Horizont La Rioja liegt und Deolinda hoffte,
ihren Mann bald wiederzusehen. Aber vor ihr lag die Wüste.
Mühsam kämpfte sich Deolinda durch die lebensfeindliche
Umgebung voran. Tagsüber litt sie unter der erbarmungslos brennenden Sonne,
nachts zitterte sie vor Kälte. Das Baby war dagegen in dem schweren Poncho
gut geschützt. Immer weiter kämpfte sich die Mutter mit ihrem Kind
voran. Bald schon verlor sie in dem gesichtslosen Meer aus Sand, Stein und
Fels die Orientierung. Nach wenigen Tagen war der Proviant aufgezehrt und schließlich
der letzte Tropfen Wasser getrunken. Sie musste ihren Mann finden! Sie musste
Baudilio helfen! Weiter, nur weiter! Fiebernd und fast wahnsinnig vor Durst
stolperte Deolinda voran. Doch dann waren ihre Kräfte aufgebraucht. Auf
einem kleinen Hügel gut 60 Kilometer östlich von San Juan brach sie
erschöpft zusammen. Liebevoll drückte sie ihren kleinen Sohn an die
Brust. Sie betete. Für ihren Mann, für ihr Kind. Dann verlor sie
das Bewusstsein. Wenig später war Deolinda Correa tot.
Mit einer Mischung aus Neugier und Respekt beobachteten ein paar
Arrieros, Treiber einer Maultierkarawane auf dem Weg nach Caucete, wie einige
Aasgeier über einem Hügel in der Nähe ihres Wegs kreisten. Welches
Tier dort wohl verendet war? Als sie sich näherten, hörten sie seltsame
Laute. Was war das? Dann sahen sie die Frau. Sie lag ausgestreckt auf dem Boden,
auf ihrem Bauch lag ein roter Poncho. In dem Poncho bewegte sich etwas. Es
war ein Baby. Es saugte an der Brust der Frau. Dann bewegte es den Kopf und
fing an zu schreien.
Behutsam flößten die Männer dem Kind etwas Wasser
ein. Es schien ihm ganz gut zu gehen. Ihn Caucete würde man sich gut um
den Kleinen kümmern. Für die Frau jedoch kam jede Hilfe zu spät,
sie war verdurstet. Um ihren Hals hing ein Medaillon, auf dem ein Name eingraviert
war: „Correa“. Sie begruben den Leichnam unter aufgeschichteten
Steinen, auf die sie ein einfaches Holzkreuz setzten. Auf dem Kreuz stand geschrieben:
Difunta Correa – Entschlafene Correa.
Einige Zeit später suchte ganz in der Nähe eine andere
Gruppe Arrieros verzweifelt nach ihren Tieren. Bei einem fürchterlichen
Unwetter waren Rinder und Packtiere in Panik geraten und auseinandergestoben.
Ohne Futter und ausreichend Wasser drohte den Tieren nun der Tod. Schon drei
Tage hatten die Treiber vergeblich gesucht. Nachts, mitten im schlimmsten Gewitter,
stießen sie dann auf das Grabmal der Difunta Correa. Im Angesicht des
Kreuzes beteten sie und baten die Difunta Correa um ihren Beistand und um Hilfe
bei der Suche nach der verlorenen Tieren. Deolinda half ihnen. Als die Arrieros
am nächsten Morgen aufwachten, hatte sich das Unwetter verzogen. Im Tal
unterhalb des Hügels weideten die vermissten Rinder und Pferde friedlich
an den Grashalmen, die die Regenfälle der vergangenen Tage aus dem trockenen
Boden hatten sprießen lassen.
Diese Viehtreiber waren die ersten, die von den Wohltaten erzählen
konnten, die die Difunta Correa für sie vollbracht hatte. Heute tun dies
Millionen Menschen. Es sind nicht nur die Fernfahrer, die modernen Nachfahren
der Arrieros, die überall im Land an kleinen Altären links und rechts
der Straßen der Difunta Correa gedenken, sie um Schutz und den einen
oder anderen Gefallen bitten und ihr im Gegenzug etwas Wasser gegen den schrecklichen
Durst mitbringen.
Die Legende der Difunta Correa ist die wundervolle Geschichte
einer Frau, die ihr Leben opferte für die Liebe zu ihrem Mann und ihrem
Kind. Und so danken die Argentinier der Difunta Correa vor allem für all
die Wunder, die mit ihren Kindern geschehen sind. Und natürlich haben
sie noch die eine oder andere weitere Bitte. Aus Dankbarkeit bringen die Menschen
seit Jahrzehnten Alltagsgegenstände, die von den Wohltaten zeugen, die
die Difunta Correa ihnen persönlich erwiesen hat. Fernfahrer brachten
zahllose Nummernschilder und Modellautos, erfolgreiche Sportler Pokale und
Auszeichnungen, glückliche Paare ihre Brautkleider und Familien, die ein
neues Heim gefunden hatten, ein Modell von ihrem Haus. Ganze Familiengeschichten
lassen sich in auf dem Gelände der Difunta Correa entdecken. Vallecito,
wie die Stelle von Deolindas Correas grausamen Tod heute genannt wird, ist
längst zu einem Wallfahrtsort für Menschen aus ganz Argentinien und
den Nachbarländern geworden. Mehrere Kapellen gibt es hier, und fast zwei
Dutzend Häuschen, wo die vielen Opfergaben aufbewahrt und ausgestellt
werden. Und fast alle Besucher bringen der Difunta Correa auch das mit, wonach
sie sich in ihren letzten Stunden im Diesseits wohlam meisten gesehnt hatte:
etwas Wasser.
In der Osterwoche wird sogar eine Marienstatue aus San Juan nach
Vallecito gebracht. Die letzten 34 Kilometer von Caucete aus in einer feierlichen
Prozession wird das Standbild durch die Wüste getragen. Die katholische
Kirche hat Deolinda Correa dennoch bis heute nicht heilig gesprochen – und
wird es, wenn wir die Zeichen aus Rom richtig deuten, auch in absehbarer Zeit
nicht tun. Für die Argentinier aber ist die Frau aus San Juan schon lange
eine ganz besondere „Heilige“.
Reisetipps & Links
Die nationale Fluggesellschaft Aerolineas Argentinas fliegt sechsmal
wöchentlich von Buenos Aires nach San Juan. Der Flug dauert gut
anderthalb Stunden. Je nach Lust und Laune und/oder Geldbeutel kann
man in San Juan seine Unterkunft zwischen einfachen Hostels, Pensionen
oder guten Mittelklassehotels wählen. Der Besuch der Difunta Correa
lässt sich von San Juan aus bequem als Tagesausflug organisieren:
vom Busbahnhof der Stadt fahren täglich mehrere Busse nach Vallecito
zur Difunta Correa und kehren nach mehreren Stunden Aufenthalt wieder
nach San Juan zurück.
Ausgewählte Links:
Santuario
Difunta Correa
Offizielle Homepage der Wallfahrtsstätte der Difunta Correa mit
Veranstaltungskalender, allerlei Wissenswerten und Fotogalerie. Die Site
wird bisher nur in spanischer Sprache angeboten.
Aerolineas
Argentinas
Wichtigste Fluglinie Argentiniens mit regelmäßigen Flugverbindungen
von Buenos Aires nach San Juan.
Info
und Hotels San Juan
Über diese Website lässt sich für jeden Geschmack das richtige
Hotel in San Juan finden und (meistens auch) buchen.