Wenn der erste Milchzahn ausfällt, ist dies ein wichtiges
Ereignis im Leben jedes Kindes – ein Augenblick, in den sich auch ein
wenig Angst und Schmerz mischen. In Spanien und vielen lateinamerikanischen
Ländern hält sich der Schrecken für die Kleinen jedoch dank
einer tierischen Persönlichkeit in Grenzen: dem Mäuschen Pérez.
Wenn nämlich das Kind den ausgefallenen Zahn vor dem Schlafengehen unter
das Kopfkissen legt, kommt des Nachts diese legendäre Maus und tauscht
den Zahn gegen ein kleines Geschenk. Was aber nur wenige Menschen wissen: auf
diese Weise macht das Mäuschen Peréz nicht nur ein Kind sondern
auch eine traurige Auster wieder glücklich.
Es gibt viele Legenden über das Mäuschen Pérez.
Die Geschichte die mir am besten gefällt, beginnt weit entfernt auf dem
Meeresgrund. Dort gab es eine Auster, die sehr traurig war, denn sie hatte
ihre Perle verloren.
In Tränen aufgelöst berichtete sie einem vorbeischwimmenden Tintenfisch
von ihrem Pech.
“Wie sah denn die Perle aus?” fragte
der Tintenfisch.
“Ganz weiß, ganz hart, ganz klein und ganz doll glänzend!” antwortete
ihm die Auster.
Der Tintenfisch versprach ihr bei der Suche zu helfen und schwamm davon.
Wenig später traf er auf eine Schildkröte, die sich in der Brandung vergnügte.
Der Tintenfisch erzählte ihr von der traurigen Auster und die Schildkröte
versprach ihn bei der Suche nach der Perle oder einem Ersatz zu unterstützen.
Die Schildkröte schwamm zum Strand – denn dort wurden immer viele
Sachen angeschwemmt. Dort traf sie auf eine Maus, die im Treibgut herumstöberte.
Die Maus trug einen Strohhut, eine goldumrandete Brille, Leinenschuhe und auf
dem Rücken eine rote Tasche. Die Maus war spanisch und hieß Peréz,
aber weil sie so klein war nannte sie alle Welt nur “Ratoncito Peréz“ – das „Mäuschen
Peréz“.
“
Wir müssen etwas finden das weiß, hart, klein und glänzend
ist!” erklärte
die Schildkröte der Maus, die auch der Auster helfen wollte.
Die Maus Peréz suchte hier, und suchte dort, fand aber
nichts, was dieser Beschreibung entsprach. So fand sie einen Knopf, der war
zwar weiß, glänzend
und klein, aber nicht hart, denn sie konnte ihn mit ihren Zähnchen
leicht annagen. Sie fand einen weißen Stein, der war zwar weiß,
hart und klein aber er glänzte nicht. Schließlich fand Peréz
auch noch eine Silbermünze, die hart war und weißlich glänzte.
Ratoncito Peréz steckte die Münze zwar in seine rote Tasche
aber das Geldstück
war nicht klein genug.
Abends kehrte Peréz traurig und enttäuscht nach Hause zurück,
denn sie hatte nichts passendes gefunden. Ratoncito Peréz wohnte in
einem geräumigen
Mauseloch im Zimmer eines kleinen Jungen, der gerade an diesem Tag seinen
ersten Milchzahn verloren hatte. Er hatte ihn vorsichtig auf seinen Nachttisch
gelegt
und war eingeschlafen. Die Maus sah ihn dort im Mondlicht glänzen,
schlich sich vorsichtig an und untersuchte den Zahn. Ja! Er war sehr weiß,
unglaublich hart, klein und herrlich glänzend! Das war es, was sie
den ganzen Tag gesucht hatte.
Ratoncito Peréz nahm den Zahn und legte dem Kind an seiner Stelle die
Silbermünze auf den Nachttisch. Dann lief er so schnell er konnte zum Strand,
um der Schildkröte den Zahn zu geben. Die Schildkröte nahm den Zahn,
schwamm los und gab ihn an den Tintenfisch weiter und der konnte ihn endlich
zu der traurigen Auster bringen. Die Auster war mit einem Schlag wieder glücklich,
denn dieser Milchzahn hatte dieselbe Größe wie die Perle, die sie
verloren hatte. Sie steckte ihn an die Stelle wo vorher die Perle gewesen war,
bedeckte ihn mit ein wenig Perlmutt und schon konnte niemand mehr einen Unterschied
zu einer Perle erkennen.
Seitdem legt jedes Kind den ersten ausgefallenen Milchzahn vorsichtig
unter das Kopfkissen, damit in der Nacht Ratóncito Peréz den
Zahn finden und gegen ein Geschenk austauschen kann – auch wenn es nicht
immer eine Silbermünze ist. Die Maus nimmt den Zahn dann mit an den Strand
und gibt ihn einer Schildkröte, die wiederum dann an einen Tintenfisch,
damit dieser dann den Milchzahn einer traurigen Auster schenkt, die ihre Perle
verloren hat.
Wahrscheinlich ist die Figur des “Ratoncito Peréz“ Ende des
19. Jahrhunderts von dem spanischen Jesuitenpater Luis Coloma erfunden worden.
Die damalige Königen María Cristina hatte das Mitglied der Königlichen
Spanischen Akademie gebeten, ihrem Sohn, (dem späteren König Alfonso
VIII.) eine Geschichte zu schreiben, als diesem ein Milchzahn
ausgefallen war.
Der von Coloma geschriebenen Geschichte zufolge lebte Ratoncito
Peréz mit seiner Familie in einer riesigen Keksschachtel in der Konditorei
Prats lebte. Das Geschäft lag mitten in Madrid in der Arenal-Straße
Nummer Acht, ganz in der nähe de königlichen Palastes. Von hier aus
unternahm Ratoncito Peréz durch die Kanalisation häufig heimliche
Ausflüge und besuchte den kleinen König Bubi I. (so nannte die Königin
María Cristina zärtlich ihren Sohn Alfonso) und andere Kinder,
die einen Milchzahn verloren hatten.
Die Legende von Ratoncito
Peréz wurde 2006 sogar verfilmt. Für das deutsche Publikum
wurde Ratóncito Peréz in Herr Figo umgetauft, der Streifen
heißt „Herr Figo und das Geheimnis der Perlenfabrik“.
Jedoch gab es schon viel früher in landwirtschaftlich geprägten
Kulturen den Brauch, Zähne an Tiere zu verfüttern. So legten zum
Beispiel Eltern die ausgefallenen Milchzähne ihrer Kinder den Mäusen
aus, die in der Vorratskammer des Hauses zwischen den Getreidekörnern
lebten. Mit dieser symbolischen Gabe wollten sie die Fruchtbarkeit ihrer Felder
und die Gesundheit ihrer Kinder sichern. Bis heute haben viele derartige Traditionen
in allen Teilen der Erde überlebt. In Italien gibt es zum Beispiel den
Nager “Topolino”, in Frankreich ist das Mäuschen unter dem
Namen “Petite Souris“ bekannt. Und in Deutschland wie in den angelsächsischen
Ländern (USA, England, Australien) hat die “Zahnfee (Tooth Fairy)“ diese
schöne Aufgabe übernommen.
Wie auch immer, die große Freude aufzustehen, das Kopfkissen
hochzuheben und zu sehen dass der ausgefallene Milchzahn sich in ein kleines
Geschenk verwandelt hat zeigt uns dass Träume nicht nur existieren sondern
sich sogar erfüllen können, zumindest dann wenn man daran glaubt – wie
ein fünf oder sechs Jahre altes Kind, das das wertvollste was es besitzt,
unter sein Kopfkissen legt.