Ende der 30er Jahre fallen einige der Luftaufnahmen dem Archäologen
Paul Kosok in die Hände. Der Amerikaner ist Spezialist auf dem Gebiet
historischer Bewässerungssysteme und forscht im niederschlagsarmen Süden
Perus nach Gebieten, die einstmals landwirtschaftlich genutzt wurden. Die Bilder
elektrisieren Kosok. Durchzieht etwa ein Netz von Bewässerungsgräben
die trockene Region? Hatten frühere Kulturen diese Wüste durch intelligentes
Wassermanagement urbar gemacht?
Per Flugzeug ortet er die viel versprechenden Strukturen gut 20
Kilometer nördlich
von Nazca. Er richtet sich in dem staubigen Städtchen ein und beginnt
die Linien und Gräben zu vermessen, versucht ihren Verlauf zu dokumentieren.
Kosok stellt fest, dass die Linien sich deshalb von ihrer Umgebung abheben,
weil in ihrem Verlauf die dunklere obere Bodenoberfläche abgetragen wurde,
bis man auf und eine etwa 30 cm tief gelegene helle Erdschicht stieß.
Der links und rechts der Linien platzierte Auswurf verstärkte den optischen
Eindruck noch.
Der Wissenschaftler arbeitet unermüdlich. Auch am 21. Juni
1941, dem Tag der Wintersonnenwende auf der Südhalbkugel - ist es wieder
spät
geworden. Wieder wird einer dieser flachen, schnurgeraden Gräben mit dem
Spaten freigelegt und vermessen, nur kurz blickt Kosok zur untergehenden Sonne
auf – und erstarrt: die Linie, in der er gerade steht zeigt genau auf
die untergehende Sonne am Horizont. Das kann kein Zufall sein! Obwohl es schnell
dunkel wird, geht ihm ein Licht auf: Handelt es sich bei diese seltsame, schnurgeraden
Vertiefungen in der Wüste womöglich gar nicht um Bewässerungskanäle – sondern
um einen gigantischen Kalender? Kosok glaubt, dass die Menschen mit diesem
Kalender ähnlich wie mit einer Sonnenuhr die Ankunft der jährlichen
Schmelz- und Regenwasserströme aus den Anden vorherzusagen versuchten.
Der Archäologe kehrt begeistert nach Lima zurück. Dort berichtet
er der deutschen Mathematikerin Maria Reiche von der aufregenden Entdeckung
und seiner sensationellen Theorie. Die gebürtige Dresdnerin hat Kosok
zuvor bereits bei Übersetzungen seiner Artikel ins Spanische geholfen.
Nun bittet der Amerikaner sie, ihn nach Nazca zu begleiten, um seine Theorie
zu bestätigen. Im Dezember 1941 brechen sie auf, um das Geheimnis der
Bodenbilder von Nazca zu lösen. Doch schon bald muss Kosok in die USA
zurückkehren, er bittet Reiche gegen bescheidene Bezahlung die Forschungen
fortzusetzen. Dann erreicht der 2. Weltkrieg auch die peruanische Wüste:
als deutsche Staatsbürgerin darf Maria Reiche die Hauptstadt Lima bis
1946 nicht mehr verlassen.