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Karibik:
Saupudding mit Feuer

Von Walter Brandes

Teil 1: Feuer mit Saupudding

Unser Mittagessen nahmen wir inzwischen im Hotel "Rosario" ein. Verflucht sei es. Aber immerhin war es billig. Es kostete nur 1,50 Pesos und war damit genau 1,49 Pesos zu teuer.

Das Essen im "Rosario" erwies sich schnell als äußerst gesundheitsschädlich. Nachdem bereits Jack, Erik, Sven und Wolfi wegen Magenstörungen "ausscheiden" mussten, wollten auch Arno und ich nichts mehr riskieren, auch wenn Arno immer wieder behauptete, dieses Essen sei gesund in den Tropen. Bei einer unserer so ziemlich letzten Mahlzeiten im "Rosario" stellten wir fest, dass der Reis wieder einmal ungenießbar war. Sven kam etwas später und wir alle warnten ihn vor diesem Essen: "Der Reis ist ungenießbar". Aber da man in unserer Runde sehr häufig auf den Leim geführt wurde, antwortete er nur: "Sicher, der Reis ist ungenießbar" und stopfte sich damit den Mund voll – nur um in gleich wieder auszuspucken und die Reiskörner in unseren Gesichtern zu verteilen. "Tatsächlich ungenießbar!" stelle er zu seinem Erstaunen fest. Wir lachten.

Natürlich hatte er mit seinem Misstrauen uns gegenüber Recht, hatte er doch mit unseren Aussagen schon die eine oder andere schlechte Erfahrungen gemacht. So geschah es Sven, dass er sich – wieder einmal zu spät kommend – an den Tisch im "Rosario" setzte und den Reisteller vor sich betrachtete. Nach einer kleinen Kostprobe wollte er wohl den Geschmack verbessern und griff nach der Flasche mit dem Aji. Noch recht frisch in Kolumbien meinte er: "Muss noch mal mit ´m bisschen Tomaten-Ketchup nachwürzen!"

Nun muss man wissen, dass Aji jedoch recht wenig mit Tomaten-Ketchup gemein hat. In jedem kolumbianischen Restaurant findet man das Gewürz auf dem Tisch stehen, in einer Flasche aus hellem Glas, mit einem Korken so verschlossen, dass sich erst nach langem Schütteln ein Tropfen herausquält, ähnlich wie bei einer Maggiflasche. Ein Tropfen Aji in der Suppe – und es schlagen einem die Flammen aus dem Hals. Ein teuflisch heißes Gewürz. Und Sven betrachtete es – wohl wegen seiner Färbung als Ketchup! Na besser konnte dieses Mittagessen nicht verlaufen.

Wir unterhielten uns angeregt, aber jeder schaute verstohlen auf Sven und seinen Kampf mit der Gewürzflasche. Er werkelte an dem Korken herum, denn die wenigen Tropfen, die er bisher aus Flasche herausgekitzelt hatte, waren ihm nicht genug. Dennoch musste der Reis schon längst ungenießbar sein. Doch der Korken saß fest. Dass musste er auch, denn wenn er sich zufällig lockern würde, würde jeder sofort das Essen versauen.

Nach Minuten schließlich gab der Korken den Widerstand auf und der Aji ergoss sich auf den Reis. Zufriedent stellte Sven die Flasche auf den Tisch zurück und begann den Reis genüsslich umzurühren. Der Reis nahm tatsächlich eine rote Färbung an. Selbst in einer Horrorvision konnte – und wollte - ich mir den Geschmack dieses Essens nicht mehr vorstellen. So wie der Reis jetzt aussah, musste er ein Feuer entfachen, eines, wie es in dieser Galaxie noch niemals vorgekommen ist.

Das Gespräch an unserem Tisch ebbte ab. Eriks Gesicht bekam einen mitleidigen Ausdruck und er wollte den Lebensretter spielen. Aber irgendjemand blickte ihn vernichtend an, woraufhin er den Blick schnell senkte. Und nun endlich war es soweit. Sven schob sich eine ganze Gabel voll dieser Ungeheuerlichkeit in den Mund. Erst machte sich in seinem Gesicht ein großes Erstaunen breit, denn so etwas hatte er noch nie im Mund gehabt. Dann traten seine Augen fast aus den Höhlen, er beugte sich über den Teller, spie den Reis aus, bekam einen Schweißausbruch und röchelte: "Wasser, Wasser!"

Eine Karaffe mit Eiswasser stand zum Glück wie immer auf dem Tisch, und Sven leerte Glas um Glas. Es war klar, dass er diesen teuflischen Geschmack so bald nicht los werden würde, Als er endlich wieder halbwegs deutlich sprechen konnte, fragte er doch tatsächlich: „Das war doch kein Tomaten-Ketchup?“
"Nein."
"Was war das denn für ein Teufelszeug?"
"Aji."
"Kanntet ihr das schon?"“
"Ja."
"Warum hat denn keiner etwas gesagt, als ich mir das auf den Reis getan habe?"
"Du hast ja niemanden gefragt!"

Auch der Ober des "Rosario", ein junger Mann, kam in den Genuß unserer Liebenswürdigkeit. Pedro war sehr stolz, dass er in diesem drittklassigen Etablissement europäische Stammgäste hatte. Er war in seiner Art wirklich rührend um uns bemüht. Und er hatte einen starken Wissensdurst, denn er versuchte, bei uns Deutsch zu lernen. Nicht richtig Deutsch, aber so ein wenig "Deutsch für Ober". Brachte er das Essen, wollte er immer wissen, wie das Gericht auf Deutsch heißt. Bekanntlich war aber die Küche im "Rosario" – nun ja, sagen wir einmal – recht schlecht. Jedes Gericht bekam, wenn Pedro nach der deutschen Bezeichnung fragte, einen Zusatz. Er war wirklich ein gelehriger Schüler, wenn auch seine Aussprache noch zu verbessern war. Und nach einer Weile präsentierte er uns dann mittags, wenn wir zum Essen kamen, die Menufolge ganz stolz auf Deutsch:"Zuerst Faule Frucht, dann Mistsuppe, Scheißfleisch mit Scheißreis, und zum Nachtisch Saupudding".

  Info zum Autor

Walther Brandes wanderte Anfang der 1950er mit einigen Freunden aus Bremen für einige Jahre in die kolumbianische Karibikmetropole Barranquilla aus.

Seine Erlebnisse hat er in dem Bericht "Wer kennt denn schon Kolumbien" zusammengefasst, aus dem dieser Auszug entnommen wurde.

Teil 1: Feuer mit Saupudding
Teil 2: Rezepte für Scharfen und Süßen Aji
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