Chile: Der Gefangene des Osorno oder die Sage vom Pillán
Nach Eduardo Ide Martínez
Vor vielen, vielen Jahren, als die Weißen noch nicht ins
Land gekommen waren, lebten Indianer in dem weiten Tal, das zwischen dem Meer
und der Kordillere
liegt. Es waren friedliche Menschen, aber anfangs waren sie faul und liebten
es, sich tage- und wochenlang berauschenden Kräutern und Getränken
hinzugeben. Als sie aber auf die guten Geister hörten und begannen, rechtschaffen
zu werden und hart zu arbeiten, zogen sie die Wut der bösen Geister auf
sich, die in den mächtigen, kegelförmigen Bergen, dem Osorno und
dem Calbuco, hausten. Der schlimmste von denen war der mächtige Pillán.
Er hasste jeder Form von Tugend und Arbeit. Wenn die Indianer auf ihren Feldern
arbeiteten, ließ er die Vulkane ausbrechen und die Erde zittern, und
es regnete tage- und wochenlang Feuer und Asche.
Quelle: University
of Texas, Austin.
Bearbeitet durch Alavia.com.
Was konnten die Menschen tun? Wie konnten sie dem Pillán entkommen?
Natürlich, da gab es diese Geschichte, die sich die Alten immer erzählten.
Wenn es ihnen gelänge – so die Legende – ein Blatt des Magnolienbaums
in den Krater des Osorno zu werfen, dann würde viel Schnee vom Himmel
fallen und den Krater verschließen – und der fürchterliche
Pillán wäre gefangen.
Immer wieder dachten die Indianer an diese Legende. Aber was half sie ihnen?
Niemand konnte zum Krater gelangen. Tiefe, steile Schluchten umgaben den Vulkan,
in denen Flüsse aus glühendem Feuer sich ihren Weg ins Tal suchten.
Unüberwindbare Hindernisse – nicht ein einziger Weg führte
hinauf!
Nachdem Pillán es wieder einmal besonders schlimm mit
ihnen getrieben hatte, hielten die Indianer eine große Versammlung ab.
Und während
sie berieten und darüber nachdachten, wie sie sich vor dem Zorn des bösen
Geistes retten könnten, trat plötzlich ein alter Indianer in ihre
Mitte. Keiner kannte ihn. Sie wussten nicht, wer er war und woher er kam. Doch
er ergriff das Wort und sagt: „Hört mich an! Ich kenne eure alte
Legende. Und ich weiß, dass selbst der Tapferste von Euch nicht zum Krater
des Osorno gelangen kann. Aber ich will euch einen Weg zeigen, wie ihr Pillán
dennoch besiegen könnt! Deshalb hört mir zu! Ihr müsst die schönste
Jungfrau eures Stammes opfern. Ihr Herz müsst ihr mit einem Zweig des
Magnolienbaums bedeckt auf den Gipfel des Berges Pichijuan legen. Dann wird
ein Vogel kommen, das Herz fressen und mit dem Zweig im Schnabel davonfliegen.
Er wird zum Osorno fliegen, und wenn er über dem Krater ist, wird er den
Magnolienzweig fallen lassen. Doch damit dies geschehen kann, müsst ihr
versprechen, gut und fleißig zu sein. Denn an dem Tag, an dem ihr euch
wieder euern alten Lastern hingebt, wird der Schnee am Osorno schmelzen, und
der Pillán wird dann von neuem mit Feuer und Asche über euch herfallen
und euer Land und eure Häuser verbrennen. Deshalb seit gut und fleißig – dann
werdet ihr ihn Frieden leben können!“ So sprach der alte Indianer
und verschwand dann auf so wundersame Weise wie er gekommen war.
Der Häuptling musste nun die schönste und tugendhafteste Jungfrau
des Stammes auswählen, damit sie geopfert würde. Kein Zweifel, es
würde Licarayen, seine jüngste Tochter, treffen. Sie war wunderschön
und ihr Herz war reiner als die schneeweißen Blüten der Quilineja-Pflanze.
Mit zitternder Stimme überbrachte ihr Vater selbst die schreckliche Nachricht.
Aber sie tröstete ihn und sagte: „Weine nicht! Ich bin bereit zu
sterben, wenn durch meinen Tod unser Stamm vor weiterem Leid bewahrt werden
kann. Ich bitte dich: Tötet mich nicht mit euren Äxten oder Speeren.
Die Blumen sollen mich mit ihrem herrlichen Duft töten. Der junge Toqui
Quitralpique soll mir mein Sterbebett bereiten und mir das Herz herausschneiden.“
Und so geschah es. Als am folgenden Tage die Sonne über die Gipfel der
Kordillere klomm und die Vögel ihr Morgenlied zwitscherten, begleitete
der ganze Stamm Licarayen ans Ende einer schmalen Schlucht, wo der Toqui ihr
aus den Blüten mit den schönsten und intensivsten Düften, die
er hatte in den Wiesen und Wäldern finden können, ihr letztes Lager
bereitet hatte. Ohne zu Klagen legte sich Licarayen auf das Blumenbett. Still
und zutiefst betrübt setzten sich die jungen Männer des Stammes rund
um die Opferstätte. Regungslos saß der Toqui da, seine verweinten
Augen ruhten starr auf dem schönen Antlitz Licarayen, aus dem nach und
nach die Farbe des Lebens wich.
Als der Abend seinen grauen Mantel über das Land breitete und der letzte
Vogel verstummte, starb Licarayen. Der Toqui trat an die Tote heran, kniete
an ihrer Seite nieder und schnitt ihr mit zitternder Hand das Herz aus der
Brust. Schweigend ging er auf den Häuptling zu und legte das Herz in dessen
Hände. Dann drehte er sich um und ging zur toten Licarayen zurück.
Wortlos nahm er seine Lanze und stieß sie sich in die Brust. Wenigstens
der Tod verband die Seelen der beiden Liebenden für immer.
Der Häuptling beauftragte nun den Kräftigsten der jungen Männer,
das Herz und den Magnolienzweig auf den Gipfel des Pichijuan zu bringen. Der
ganze Stamm wartete im Tal und hoffte, dass die Prophezeiung des alten Indianers
auch tatsächlich eintreten würde. Kaum hatte der junge Indianer das
mit dem Magnolienzweig bedeckte Herz auf der Bergspitze abgelegt, da erschien
ein riesiger Kondor am Himmel. In schnellem Flug kam der Kondor herab und verschlang
das Herz mit einem einzigen Bissen. Dann packte er den Magnolienzweig mit dem
Schnabel und flog in Richtung des Osorno. Der Vulkan spuckte wie wild Feuer.
In großen Spiralen schraubte sich der Kondor immer höher. Dreimal
umkreiste er in weiten Bögen den Gipfel, stieß dann im Sturzflug
hinab und ließ den Zweig in den Krater fallen.
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Sofort zogen schwere, schwarze Wolken am Himmel auf. Es fing
an zu schneien. Das Schneetreiben wurde immer dichter, und in den roten Flammen
des Vulkans
sah es so aus als würde es Gold regnen. Es schneite und schneite. Tage,
Wochen, ganze Jahre. Es war ein erbarmungsloser Kampf zwischen dem Feuer, das
aus der Tiefe der Erde stieg, und dem Schnee, der vom Himmel fiel. Ungeheure
Schmelzwasserströme füllten die Schluchten und Winkel , die die Wohnhöhle
des Pillán bislang so gut beschützt hatten. Das Wasser stieg weiter
und weiter und es entstanden der Llanquihuesee, der See Todos los Santos und
der Chaposee. Pillán kämpfte mit aller Macht, doch er konnte sich
nicht mehr befreien. Der Schnee schloss ihn immer fester ein – dann war
der fürchterlichste aller bösen Geister im Osorno gefangen. Aber
noch immer versucht er seine Freiheit zurückzugewinnen. Und an dem Tag,
an dem die Menschen sich wieder ihren Lasten hingeben und Böses tun, wird
der Schnee schmelzen, der den Pillán noch gefangen hält. Die Erde
wird zittern, und Feuer und Asche werden alles Felder und Häuser zerstören.
Daher sollte man sich stets an die Worte des alten Indianers erinnern: „Damit
dieses Wunder von Dauer ist, müsst ihr gut und tugendhaft sein!“
Am nächsten Morgen kehrten die Indianer an die Stelle zurück, wo
die Jungfrau Licarayen und der Toqui Quitralpique gestorben waren. Sie trauten
ihren Augen nicht. Aus den Pflanzen, die das Mädchen mit ihrem Duft getötet
hatten, waren Wurzeln geschlagen, ihre Zweige hatten sich miteinander verflochten
und bildeten den prächtigsten Palast, den man sich denken kann. Inmitten
der wundervollen Blumenhallen lebten glücklich und zufrieden Toqui und
Licarayen.
Den Palast aus Blumen und Ranken gibt es bis heute. Er steht am Ende steht
der Teufelsschlucht in der Nähe von Puerto Varas. Viele Neugierige sind
schon hinabgestiegen, um seine unglaubliche Schönheit zu bewundern. Doch
nur wenige haben ihn tatsächlich sehen können. Denn der Palast von
Licarayen und Quitralpique ist nur für diejenigen sichtbar, die sich mit
reinem Herzen am Liebreiz der Natur erfreuen können.
Die „Sage des Pillán“ geht auf eine Legende der
Mapuches zurück. Dieses indigene Volk lebt bis heute im Süden
Chiles in der Region rund um die Stadt Puerto Montt und die Insel Chiloé.
Mit 10 Prozent der Gesamtbevölkerung sind sie die größte
ethnische Minderheit Chiles.
Mapuche bedeutet in ihrer Sprache "Leute der Erde". Als die
spanischen Eroberer auf die Mapuches trafen, zählten diese schätzungsweise über
eine Million Menschen. Trotz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen
konnten die Konquistadoren die Mapuches nie vollständig besiegen.
Im Gegenteil: die Mapuches brachten der spanischen Krone immer wieder
empfindliche Niederlagen bei und behaupteten weitgehend ihre Unabhängigkeit.
Erst der chilenische Staat unterwarf im 19. Jahrhundert die Mapuches
mit militärischer Gewalt.
In den letzten Jahren haben die Mapuches deutlich an Selbstbewusstsein
gewonnen und fordern immer nachdrücklicher ein Ende der gesellschaftlichen
Diskriminierung und die Anerkennung als ethnische Minderheit. Auch
mit internationaler Unterstützung kämpfen sie um die Rückübertragung
der vom chilenischen Staat enteigneten Ländereien.