Kurz nach vier Uhr nachmittags wird der Verkehr im Zentrum Guayaquils
immer dichter. Die Straßen scheinen vor Hitze zu kochen. Die Abgase zahlloser
Autos durchziehen flimmernd die schwere, feuchte Luft. Ein tausendstimmiges
Hupkonzert betäubt die Sinne. Hier und dort setzen die mannshohen Blaster
eines Elektronikshops mit stakkatoartig hämmernden Latinorhythmen Akzente.
Quirlige Menschenmassen schieben sich voran, rechts und links auf den Bürgersteigen,
zwischen den Autos, an den Haltestellen der Metro-Busse, überall.
Auf der Avenida Quito, einer der Hauptverkehrsadern der ecuadorianischen Metropole,
gerät alles plötzlich ins Stocken. Mitten auf den Fahrbahnen bewegen
sich vielleicht 80 Personen langsam, bedächtig, nordwärts. Sie scheinen
der lärmenden und hektischen Atmosphäre der Stadt seltsam entrückt.
Rote Ampeln und Zebrastreifen ignorieren sie genauso wie die hinter Ihnen festsitzende,
hupende Blechlawine. Trotz der hohen Temperaturen tragen die meisten der Gruppe
dunkle Kleidung. Manche singen, einige scheinen in sich gekehrt, andere trinken
glasklares Hochprozentiges aus bauchigen Flaschen. An der Spitze des Zuges
marschieren vier Männer in schwarzen Anzügen. Sie schwitzen unter
ihrer Last. Auf ihren Schultern ruht ein geliebter Mensch, tot, in seinem Sarg.
Fotogalerie zur Story - Mit 18 Fotos - Bitte auf Fotos klicken!
Der Trauerzug ist vielleicht noch drei, vier Cuadras (Straßenblocks)
von seinem Ziel entfernt. Es liegt direkt jenseits der Calle Julián
Coronel, vom Rest der Stadt nur durch eine weißgraue Mauer mit aufgesetztem,
schmiedeeisernem Zaun getrennt. Sechs Tore durchbrechen diese Barriere. Fast
alle sind mit dicken Ketten verschlossen. Die “Puerta No. 3“ aber
ist eines der beiden Portale, die Einlass gewähren auf den Cementerio
General, den Zentralfriedhof von Guayaquil.
Ein Wachmann, in schwarzer Uniform und mit großkalibrigem Revolver im
Gürtel, fungiert als Portier. Mit bedeutungsschwerer Gestik öffnet
er das überdimensionale Vorhängeschloss. Die eisernen Flügeltüren
von “Puerta No. 3“ schwingen zurück und geben den Weg frei
hinein in die Stadt der Toten.
Als ich durch das Tor gehe, bleibt der Lärm der Stadt auf wundersame Weise
zurück. Eine herrliche Palmenallee empfängt mich, für einen
Augenblick fühle ich mich wie an der Côte d´Azur. Rechts und
links flankieren prächtige Mausoleen den Boulevard. Wie vornehme Villen
sehen sie aus mit ihren herrschaftlichen Marmorfassaden, den feinen Ornamenten
und schönen Statuen. Mein Blick folgt den wundervollen Bäumen und
bleibt an einer riesigen Statue am Ende der Allee hängen.
“
Das ist der Präsident Vicente Rocafuerte. Er ist Guayquileño, hat
hier viel gegen die Gelbfieber-Epidemien unternommen“, erklärt mir
der Wachmann. “Ein ein guter Präsident also?“, frage ich. “Wie
man´s nimmt”, antwortet der Uniformierte. “Außerdem
spielt das jetzt eh keine Rolle mehr. Ob gut oder schlecht – hier sind
alle gleich.“
Tatsächlich? Alle sind hier gleich? Ich erkunde das riesige Friedhofsgelände.
Lese Inschriften in Spanisch, Englisch, Hebräisch und Deutsch. Entdecke
die Grabmale Eloy Alfaros, Víctor Emilio Estradas, Alfredo Baquerizo
Morenos, alle drei waren Präsidenten Ecuadors. Bewundere die Mausoleen
von José María Villamil, Diego Noboa Arteta, beide Mitunterzeichner
der legendären Unabhängigkeitserklärung, mit der sich Guayaquil
1820 von der spanischen Krone lossagte. Besuche die letzte Ruhestätte
von Julio Alfredo Jaramillo Laurido. Der legendäre Sänger hat die
Welt nicht nur mit seiner Musik sondern auch mit mehr als 40 Kindern – verstreut
in ganz Lateinamerika - beglückt.
Und ich stelle fest, dass sich die Reichen und Berühmten offenbar nicht
gerne unter das gemeine Volk begeben. Zumindest hier bleiben sie lieber unter
sich. Ihre vornehmen Viertel liegen vorzugweise an den Hauptwegen des Cementerio
General, vor allem in dem Abschnitt zwischen den Puertas No. 3 und 4. Ycaza,
Baquerizo, Luque – große Lettern in den Giebeln der mitunter monumentalen
Mausoleen verkünden die illustren Namen und lassen jeden wissen, wer hier
ruht! Sehen und gesehen werden, zeigen was man hat(te) – ganz offensichtlich
auch im Jenseits wichtig!
Zwischen den Zonen der Reichen liegen die Grabstätten der Mittelklasse:
uniforme, weiße, vielstöckige Krypten, jede Kammer bietet gerade
Platz genug für den Sarg. Alles ist sauber, geordnet und organisiert.
Die bunte Blumengirlande, das Kinderbild, die Kerze – hier sind es die
kleinen Dinge, mit denen die Lebenden den Verstorbenen ihre Verehrung und Liebe
zeigen.
Und die Gräber der Armen? Zu ihnen führen keine festen Wege. Wie
die Barrios Populares oder Favelas in vielen lateinamerikanischen Metropolen
liegen die Grabstellen der Mittellosen oben, hoch über der Totenstadt,
schmiegen sich bunt, unorganisiert, chaotisch an die schwer zugänglichen
Hängen des Cerro Carmen. An all die anonymen Seelen, die sich nicht einmal
dort eine letzte Ruhestätte leisten konnten, erinnert ein einfacher Altar
inmitten dieses Gräberfeldes.
Die Menschen sind offenbar gerne mit Ihresgleichen vereint. Auch im Tod.
Ganze Abschnitte des Cementerio General sind Angehörigen bestimmter Organisationen,
Berufsgruppen oder Glaubensrichtungen vorbehalten. Ein Winkel zum Beispiel
ist den Verstorbenen der „Sociedad Española“ zugewiesen,
ein anderer – überragt von einem schlanken Obelisken – für
die Toten des Feuerwehrkorps von Guayaquil reserviert. Am Tor zum Mausoleum
der Taxifahrergewerkschaft kann ich der Versuchung kaum widerstehen, eine der
gelben Droschken zu bestellen. Natürlich gibt es auch einen jüdischen
Friedhofsteil. Leiberg, Guttmann, Koppel - auffällig viele deutsche Namen
zieren die Gräber mit dem Davidstern. Fast alle Gräber datieren hier
nach 1935.
“
Wie hat dir unser Friedhof gefallen“, fragt mich der Wachmann, bevor
er mich durch die “Puerta No. 3“ wieder in den Trubel draußen
entlässt. Ich erzähle ihm meine Eindrücke. Er nickt kaum merklich
den Kopf und sagt zum Abschied: “Nun, dieser Friedhof ist wie die Stadt,
wie Guayaquil. Er ist ein Spiegelbild des realen Lebens.“ Dann nimmt
eine ankommende Trauergemeinde seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Das Leben
geht weiter.
Info Cementerio General
Heute ist der Cemeterio General der wichtigste Friedhof Guayaquils und gehört
zu den größten touristischen Attraktionen der Metropole. Seine Ursprünge
reichen zurück bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Damals
brachen immer wieder Seuchen aus, die viele Opfer unter den Einwohnern forderten.
Um die Leichen schnell bestatten zu können, legte man außerhalb
der Stadt, am Fuß des Cerro Carmen, ein neues Gräberfeld an. Dennoch
bestatteten in den folgenden Jahrzehnten viele Guayquileños ihre Toten
weiterhin an den traditionellen Stellen auf der in der Mündung des Río
Guayas gelegenen Insel Puná. Erst 1823, als wieder eine fürchterliche
Gelbfieberepidemie in der Stadt wütete, wurde der Friedhof auf Weisung
des südamerikanischen Volkshelden und Freiheitskämpfers Símon
Bolívar offiziell geweiht. Weil die katholischen Würdenträger
den spirituellen Frieden der Verstorbenen in Gefahr sahen, wurde bald einige
Hundert Meter entfernt ein zweiter Friedhof für Protestanten und andere
Religionen gegründet. Später verschmolzen die beiden Gottesäcker
zum Cementerio General – offenbar ohne dass eine einzige Seele daran
Schaden genommen hat.
Das Friedhofsareal umfasst beinahe 17 Hektar; es liegt heute inmitten der Millionenstadt.
Die Straßen, die das Gelände umgeben, heißen im Volksmund „Calles
de los lamentos“ (Straßen der Wehklagen) genannt. Denn an ihren
Rändern finden sich viele Einrichtungen und Institutionen, die mit Krankheit,
Alter, Gebrechen und Tod in Verbindung gebracht werden: Krankenhäuser,
eine Klinik für Geisteskranke und der Friedhof selbst.
Ü
ber 700.000 Menschen haben auf dem Cementerio General ihre letzte Ruhestätte
gefunden, darunter 17 Präsidenten und fünf Vizepräsidenten Ecuadors.
Das älteste Grab ist das von Juana Rosa Julia Correa y Pareja: sie starb
1831 im Alter von gerade einmal anderthalb Jahren. Fast an jedem Tag finden
neue Beerdigungen statt.
An die 1.200 Grabstätten und Mausoleen gelten als wahre architektonische
Schätze. Die meisten davon stammen aus der Zeit zwischen 1850 und 1970.
Ihre wundervollen Fresken und Skulpturen, geschaffen von einheimischen und
europäischen Künstlern in unterschiedlichsten Stilrichtungen, sorgen
für eine einzigartige Atmosphäre – vergleichbar vielleicht
nur noch mit dem berühmten Recoleta-Friedhof in Buenos Aires (Argentinien).
Nicht zuletzt deshalb erklärte Ecuador den Cementerio General im Jahr
2003 zum nationalen Kulturgut.