Berlin: Die alte Mama, der Besenmann und die Tambores
Von Sven Hoch
Unablässig kreist der bunte Stock in der Hand, hüpft
geschmeidig über die Arme auf die Schulter, fällt in sanftem Bogen
auf die Fußspitze, springt von einem Fuß zum anderen, wird nach
sekundenlangem Balanceakt hoch in die Luft geschleudert, landet wieder in den
sich drehenden Händen. Gustavo Berlangieri, Künstlername "Tato",
trainiert. Er ist ein "Escobero", ein Besenschwinger. Einer der besten
Uruguays. Jetzt ist
er in
Berlin,
präsentiert
mit dem Centro de Ritmos Afro-Sudamericanos (CRAS) beim Karneval der Kulturen
Candombe, den "schwarzen" Rhythmus vom Río de la Plata.
Tato ist nicht der einzige, der übt. Die Langenscheidt-Höfe
im Berliner Bezirk Schöneberg, Sitz des CRAS, gleichen an diesem Samstagnachmittag
dem "sprichwörtlichen Ameisenhaufen". Organisiert-chaotisch-buntes
Treiben, wohin man schaut. Eine riesiges, schwarz-grün-orange-kariertes
Banner wirbelt leuchtend durch die Luft. Auf gelben Plastikstühlen sitzen
ein paar Männer in einer Ecke des Hofes und saugen an ihrem Maté .
Gegenüber gehen vielleicht zwei Dutzend Tänzerinnen Details ihrer
Choreographie durch. Rollen werden verteilt – wer ist die "Mama
Vieja" ("Alte Mama"), wer der "Gramillero" ("Medizinmann"),
beides traditionelle Figuren bei der Candombe. Kleinbusse aus Hamburg und Schweden
fahren vor, bringen noch mehr Menschen, die sich in die Arme fallen.
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An der Treppe, die hinab zu den Proberäumen führt, werden sorgfältig
die letzten Buchstaben auf ein Transparent gepinselt. Im Keller sitzt Maria
an der Nähmaschine. Die Peruanerin, die in einer italienischen Boutique
in der deutschen Hauptstadt arbeitet, schneidert die letzten Änderungen
an den Kostümen der Tänzerinnen.
Und überall, im Hof, im Keller, in den Autos, stehen die
"wichtigsten" Protagonisten
herum. Sie heißen "Chico","Repique" und "Piano".
Ihre Körper, an den Enden schlank, in der Mitte bauchig, leuchten in Orange
und Grün. Ohne die Tambores – die Trommeln – geht nichts beim
Candombe , diesem mitreißenden Tanzrhythmus mit afrikanischen Wurzeln
aus Uruguay. Der Tambor "Piano" ist dabei mit einem Felldurchmesser
von etwa 40 cm die größte der drei Trommelarten. Ihr kräftiger
Bass bildet das "Fundament" des Candombe-Rhythmus. Die kleinste
des Trios ist natürlich der Tambor "Chico" (deutsch: "Der
Kleine"), bei dem das Trommelfell gut 20 cm im Durchmesser misst.
Sie ist am höchsten
gestimmt und fungiert im Zusammenspiel wie ein rhythmisches Pendel. Das Instrument
der Solisten ist der "Tambor "Repique"“. Mit einem Felldurchmesser
von etwa 30 cm verbindet diese Trommel die Rhythmen von "Piano" und "Chico" durch
synkopische Improvisationen.
Wie ein Dirigent verschafft sich Peter, in Uruguay aufgewachsener
Berliner, begeisterter Candombe-Spieler und einer der Mitbegründer des
CRAS, Gehör.
Es geht um die Generalprobe für die Parade morgen beim
Karneval der Kulturen. Endlich, alle Trommler, Tänzerinnen
und helfenden Geister sind im Hof, alle Gäste aus Uruguay, Schweden
und dem Rest der Republik wurden begrüßt - es kann los gehen.
Das Trommelgewitter des Candombe bemächtigt sich des Hofes, reißt
alle mit: die Tänzerinnen,
die Trommler und auch die Männer auf den Plastikstühlen. Genauso
wird es auch morgen sein, wenn sich bei der großen Parade des Karneval
der Kulturen Hunderttausende von Menschen sich – zumindest für einige
Minuten - vom Cnadombe-Fieber anstecken lassen. Und wer sich von disem
Rhythmus hat infizieren lassen,
der kann selber mitspielen oder mittanzen. Das CRAS bietet regelmäßig
Candombe-Kurse und -workshops an.
Info CRAS
CRAS - Centro de Ritmos Afro-Sudamericanos
Crellestr. 29-30
(im Keller der Langenscheidthöfe)
10827 Berlin-Schöneberg
Tel.: 78001955 (Mo.-Fr. 16-18 Uhr)
Weitere Infos auf der Website des CRAS.