Am Südufer des Nicaragua-Sees, fernab von den großen
Städten Nicaraguas, liegt San Carlos. Das abgelegene Örtchen ist
Ausgangspunkt für zwei der größten Attraktionen des Landes:
den Nationalpark am San-Juan-Fluss und der Solentiname-Archipel im See. Wer
nicht mit dem Boot kommt, kann nur mit dem Flugzeug an- oder abreisen. Und
das kann schnell zum Rechenspiel werden.
In einer riesigen Staubwolke kommt unser Taxi am Flugplatz San Carlos zum
Stehen, direkt neben einem Schild, das uns darüber aufklärt, dass
wir im Begriff sind, die „leprafreie Zone San Carlos“ zu verlassen.
Der feine Staub nimmt uns sofort gefangen, als wir aussteigen. Als die Luft
um uns herum wieder klar ist, händigt uns der Taxifahrer das Gepäck
aus und wir gehen die paar Schritte zur Abfertigungshalle hinüber. Nun
ja, “Halle“ ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Die Abmessungen
des „Terminals“ würden die Bauvorschriften einer deutschen
Schrebergartenkolonie kaum sprengen. Doch wir stehen vor verschlossenen Türen
- außer uns sechs ist kein Mensch da. Etwas verunsichert schauen wir
uns an – aber laut Ticket soll unser Flugzeug doch um 9:00 Uhr – in
weniger als einer Stunde also – starten. Miguel, unser einheimischer
Guide, beruhigt uns: „Kein Grund zur Panik! Wir haben noch Zeit! Die
von der Bodencrew frühstücken um diese Zeit noch, und die Flughafenchefin
pinselt sich sicher noch ein wenig Farbe auf Wangen und Lippen.“
Staubwolken künden nahende Fahrzeuge an – es treffen jedoch nur
ein paar weitere Fluggäste ein, die sich nun mit uns zusammen in Geduld üben
müssen. Eine Stunde später bewegt sich außer den immer wieder
in den wolkenlosen Himmel starrenden Augenpaaren von insgesamt vierzehn Möchtegern-Passagieren
noch immer nichts am Aerodromo de San Carlos – keine Spur von Flughafenpersonal
oder Flugzeug.
Plötzlich rast ein Auto heran, bremst mit knirschenden Reifen, und noch
bevor die aufgewirbelten Staubfahnen das Fahrzeug erreichen, springen drei
Uniformierte aus dem Wagen. Die beiden älteren sind offenbar für
Sicherheit und den Krieg gegen den Terror am Flugplatz verantwortlich – was
man unschwer an den umgehängten Maschinenpistolen und ihrem bedeutsamen
Gesichtsausdruck erkennen kann. Der jüngste der drei Ankömmlinge
trägt eine adrette blauweiße Uniform - ganz offensichtlich ein Mitarbeiter
der Fluggesellschaft! Hoffnung keimt auf! „Bitte eine Schlange bilden“ lautet
sein Kommando an uns, während er das Terminal aufschließt. Brav
bilden alle eine Warteschlange – nur ein amerikanisches Paar muss sich
ganz nach vorne drängeln.
Der Reihe nach trägt der junge Mann alle Wartenden in eine Liste ein:
die beiden Amis erhalten die Nummer 1 und 2, unsere Gruppe die Nummer 3 – 8
und die anderen Fluggäste werden unter den Zahlen 9 – 14. Damit
scheint er seine Aufgabe erfüllt zu haben, ob und wann die ersehnte Maschine
kommt, weiß auch er nicht.
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Langsam werden wir ungeduldig. Mittlerweile ist es viertel vor Zehn – wir
müssten eigentlich schon im Landeanflug auf Managua sein. Na endlich!
Noch ein Auto fährt vor. Nach ein paar Augenblicken – die obligatorische
Staubwolke geschickt vermeidend – steigt eine dralle, nicht mehr ganz
junge Dame aus. Auch sie trägt die schicke blau-weiße Uniform der “La-Costeña“-Fluggesellschaft – ein
wundervoller Kontrast zu ihrem pechschwarzen Haar und den feuerroten Lippen. „Die
Flughafenchefin“, raunt uns Miguel zu. In aller Ruhe nimmt sie am zweiten
Schreibtisch – pardon Schalter – Platz, holt bedächtig ein
blütenweißes Blatt Papier aus der Schublade, legt es vor sich auf
den Tisch, schaut auf die Liste, die ihr der junger Kollege gereicht hat und
kommandiert: „Bitte alle der Reihe nach aufstellen!“
Seufzend gehorchen wir. Die Amerikaner mit den Nummern 1 und 2 stehen natürlich
wieder ganz vorne. Dann kommen wir dran. Die Statthalterin der Airline kontrolliert
Flugscheine und Pässe, notiert noch einmal unsere Namen, während
ihr Mitarbeiter unser Gepäck wiegt. Sorgfältig wird das Gewicht unserer
Reiseutensilien neben unseren Namen notiert. Die Bändchen mit Flugnummer
und Namen am Gepäckstück anzubringen ist in San Carlos Chefsache!
Die Machete – als praktisches Mitbringsel für den deutschen Ziergarten
gedacht und das Taschenmesser müssen aber als Sondergepäck aufgegeben
werden! Unser Reiseleiter Miguel ist die Nummer acht auf der Liste.“SIE
bleiben zurück! Und die Dame aus Honduras, Listennummer 12!“, herrscht
ihn die Doña von “La Costeña“ an. Das Flugzeug hat
nur zwölf Plätze, aber 14 Plätze sind für diesen Flug fest
gebucht! Das heißt: Europäer und Amerikaner dürfen fliegen,
Latinos nicht!
Wir sind entsetzt – wir sind auf unseren Spanisch sprechenden, kundigen
Guide angewiesen. Alles wurde vor über einem halben Jahr gebucht! Er darf
nicht zurückbleiben. Auch die Frau aus Honduras protestiert lautstark.
Sie ist eine bekannte Dichterin auf dem Weg zum berühmten Poesie-Festival
von Granada, der wunderschönen Kolonialstadt in der Nähe von Managua.
Heute Abend soll sie ihre ersten Lesungen halten. Doch die Herrin des Flugplatzes
bleibt hart. Ob man mit „Bakschisch“ etwas erreichen kann?
Miguel ruft seine Agentur an, die setzt sich sofort mit der Zentrale der Fluggesellschaft
in Verbindung. Ein Telefonat jagt das andere. Auch die Dichterin hat telefonische
Unterstützung gerufen. Aufgeregt zitiert die blau uniformierte Dame vom
Dienst einen weiteren “La Costeña“-Angestellten herbei.
Sie diskutieren, besprechen sich „konspirativ“ außerhalb
des Gebäudes, kommen gemeinsam zurück und bedrängen die Honduranerin,
auf ihren Platz zu verzichten Doch die wehrt sich lautstark. Und ein Flugzeug
ist noch immer nicht in Sicht.
Miguels Reiseveranstalter – ein wichtiger Kunde der Airline – hat
sich durchgesetzt: er darf mitfliegen. Auch die Dichterin hat offenbar einflussreiche
Fürsprecher: auch ihr Platz im Flieger ist gesichert. Doch das hat weiterhin
nur 12 Plätze – und es warten noch immer 14 Passagiere. Das Bodenpersonal
berät sich. Da steht ja noch das Paar aus den Staaten! Zwar ist in Nicaragua
der Slogan „Yankee go home“ politisch korrekt, doch jetzt sollen
die Amerikaner dableiben. Die beiden wehren sich, drohen mit Schadenersatzklagen,
schimpfen wie die Brüllaffen am nahen Río San Juan.
Die Zentrale in Managua trifft die endgültige Entscheidung: „…die
zuletzt gebuchten Plätze werden gestrichen.“ Die beiden Amerikaner
müssen hier bleiben! Sie explodieren förmlich. Erleichterung bei
uns anderen Zwölf. Plötzlich mischt sich in das Gezeter der Yankees
ein tiefes Brummen. Das Flugzeug – endlich! Nur 10 Meter von uns entfernt
setzt die Riesen-Cessna auf der Landepiste auf. Einer der Sicherheitsposten
hält uns in sicherem Abstand von der Maschine, die sofort vom Staub verschluckt
wird.
Ein Dutzend Menschen quillt aus der Maschine. Das Gepäck wird ausgeladen,
auf einer Ablage aufgereiht. Jeder Passagier – auch der letzte – erhält
sein Gepäckstück nur, wenn er die entsprechende Quittung von der
Gepäckaufgabe in Managua vorweisen kann! Und dann können wir endlich
in die Maschine hineinklettern. Als die Turbine startet, verstummen die entrüsteten
Schreie der zurückbleibenden US-Bürger. In einer Staubwolke starten
wir – zwei Stunden nach Plan. Adiós San Carlos!
Linkliste
Aerolinea
La Costeña
Die Fluggesellschaft gehört zur TACA-Gruppe und fliegt
mit ihren Cessna-Caravan- und Shorts-Flugzeugen alle kleinen und großen
Pisten in Nicaragua an.
Pan
y Arte
Eine deutsche Nichtregierungsorganisation, der Kultur-
und Entwicklungsprojekte in Nicaragua fördert. Die Philosophie des
Vereins, der bis 2006 vom Schauspieler Dietmar Schönherr geleitet
wurde, besagt, dass Kunst und Kultur ebenso wichtige Nahrungsmittel zum
Leben und zur Fortentwicklung sind wie materielle Dinge. Ohne Kunst und
Kultur wäre der Mensch kein soziales Wesen. Denn eine eigenständige
Entwicklung bedarf eigenständige Persönlichkeiten, die mit
ihrer Kreativität und Kompetenz eigene Wege zur Verbesserung der
Missstände in ihrem Land erschließen. Heutiger
América
Andina
Auf Lateinamerika spezialisierter Reiseveranstalter aus
Münster, der u.a. auch eine Rundreise nach Nicaragua anbietet, bei
dem die “Pan y Arte“-Projekte im Mittelpunkt stehen.