Latinale 2007 Scherben, Poesie und die Schöne und das Biest
Teil 1: Scherben und Poesie
Keine Glasscherbe gleicht der anderen. Eine einzelne Scherbe ist
nur ein kleiner Teil, ein Fragment, ein winziger Ausschnitt eines großen
Ganzen, das sich weder optisch noch physisch vollständig (er)fassen lässt.
Die vielen Bruchstücke zu einer Flasche, einer Vase oder einem Mosaik
zu komplettieren, bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen. Manche
dieser Scherben schneiden tief, schmerzen, gehen unter die Haut, wenn wir sie
berühren. Andere dagegen sind stumpf, vermögen kaum an der Oberfläche
zu kratzen, hinterlassen keine Spuren, selbst wenn wir sie mit festem Griff
umfassen.
Was wir von der Umgebung sehen, wenn wir durch eine Glasscherbe hindurchblicken,
hängt nicht zuletzt von uns selbst ab. Je nachdem, wie wir ein solches
Glasstückchen in der Hand halten und in die Sonne drehen, zeigt sich uns
die Welt plötzlich in einem anderen Licht, aus einer anderen Perspektive:
Was wir zuvor - weil klein und unscheinbar am Rande des Blickfelds - nicht
wahrgenommen haben, steht nun im Focus der Linse. Was zuvor verdeckt im Schatten
lag, wird in gleißendes Licht gezerrt. Was zuvor für uns unsichtbar
war, wird nun – zumindest für einen Augenblick - transparent. Und
umgekehrt! Nehmen wir dann eine andere Scherbe und schauen durch sie hindurch,
verliert sich, was eben noch glasklar in der Mittagssonne funkelte, auf einmal
in der Dunkelheit tiefblauer Töne.
Ein Gedicht ist wie eine solche Glasscherbe. Es gibt nie gleich alles von
dem preis, was es zu sagen hat, es ist nicht eindeutig und enthält - je
nachdem, wie man es betrachtet - viele unterschiedliche Darstellungen der Welt.
Durch die „verdichtete“ Sprache der Poesie gelangt manches ans
Lichts, was sonst im Dschungel der Wörter untergehen würde. Natürlich
gibt es für Poesie keine allgemeingültigen Dechiffrierungs-Parameter.
Aber gute Poesie kann man spüren: sie kratzt nicht nur an der Oberfläche,
sondern geht - wie eine scharfe Glassscherbe - unter die Haut, hinterlässt
mehr oder weniger tiefe Spuren in dem, was wir Seele nennen! Darin liegt die
Macht der Lyrik: Uns zu berühren, uns zu bewegen, uns Anstoß und
Anregung zu geben. Nicht mehr und nicht weniger!
„Scherben, Poesie und Zwittertöne“ – der Titel der
diesjährigen „Latinale“ war daher perfekt gewählt. Im
Rahmen des mobilen Festivals für lateinamerikanische Poesie präsentierten
zwölf Dichter und Dichterinnen aus Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile,
Ecuador, Kolumbien, Mexiko, Peru und Uruguay sich und ihre Werke in verschiedenen
Städten Deutschlands. Nur zwölf Stimmen ausgewählt aus dem Meer
von tausenden Autoren und Autorinnen des riesigen Kontinents - und doch lassen
sie den immensen Reichtum, die Tiefe und die ganze Kraft der lateinamerikanischen
Lyrikszene erahnen. Die Lesungen in Berlin, Potsdam, Hamburg, Leipzig und Köln
begeisterten die zahlreichen Besucher nicht nur wegen der Themen- und Stilvielfalt
der vorgetragen Texte. Gerade die Präsentationen selbst - klassische Lesungen
im Wechsel mit teils schrillen, teils theatralischen Performances vorgetragen
von den Autoren und Autorinnen selbst - hinterließen einen tiefen Eindruck
im Publikum.
Wie im Vorjahr hat die „Latinale“ uns die seltene Möglichkeit
eröffnet, hierzulande so gut wie unbekannte Stimmen zu hören und
Stimmungen aus ganz Lateinamerika einzufangen - aus den unterschiedlichsten
Ländern und Milieus, aus Megacities, vom „platten“ Land, aus
dem Zentrum oder der Peripherie des Kontinents.
Die Macht dieser Poesie? Illusorisch zu glauben, dass in unserer Zeit und
in unserer Welt, in der politische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung
regieren, in der ein Menschenleben vielerorts keinen Pfifferling wert ist,
eine Welt, in der die individuelle Freiheit des Menschen, sein Anspruch auf
Bildung, die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben eher die Ausnahme denn
die Regel ist, ein einfaches Gedicht grundlegende gesellschaftliche Veränderungen
herbeiführen kann. Das gilt auch für Lateinamerika, für lateinamerikanische
Poesie, für die Texte der zwölf Dichter und Dichterinnen der „Latinale
2007“. Doch durch ihre Gedichte lassen sie uns teilhaben an ihrer Realität,
machen uns klar, was sie fühlen und denken: Zum Beispiel über den
Alltag der Frauen in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana, die Verkäufer
am Bahnhof Once in Buenos Aires oder die Versuche von Teilen der chilenischen
Mittelklasse, sich von den Verbrechen der Militärdiktatur rein zu waschen.
Mit ihren Worten und Performances bringen sie uns zum Lachen, wühlen uns
auf, zwingen uns zum Nachdenken, hinterlassen mitunter tiefe (Schnitt-)Spuren
in unseren Seelen. Auch, indem sie uns verschmitzt und ungeschminkt den Spiegel
vorhalten wie die Bolivianerin Jessica Freudenthal mit diesem kurzen Gedicht:
„Die Schöne und das Biest“:
Von dieser Geschichte gibt es nicht viel zu erzählen
Nur das es ein reines Märchen ist
Und ich bin schön
Und du ein Biest
Nun ja, für alle Lyrikfans haben die Organisatoren der „Latinale“ bereits
einen Großteil der Lesungen auf der Homepage des Festivals als Audiofile
hinterlegt.