Das Herz, so sagt man, ist der Motor des Lebens. Unermüdlich
schlägt es - von der Geburt bis zum Tod und pumpt mit unerhörter
Ausdauer und Präzision den Lebenssaft durch die Adern. Das Herz sitzt
im Zentrum des Seins. Es ist Quell von Emotionen und Ambitionen, die uns leiten,
uns verführen und die unsere Welt verändern.
Seit den Zeiten spanischen Konquistadoren pulsiert das Leben in
den Straßen
Quitos, der Hauptstadt Ekuadors. Das Leben hier hat einen unverwechselbaren
Rhythmus. Vielleicht liegt das daran, dass das Herz von Quito nicht herzförmig
sondern rechteckig ist.
Das Herz von Quito ist nämlich ein Platz. Er gibt der Stadt die Richtung
vor: alle Straßen der Altstadt orientieren sich an seiner Lage. Zwei
wichtige Verkehrsadern, die Calle García Moreno und die Carrera Venezuela,
umrahmen ihn und verbinden die Alt- und Neustadt miteinander. Am Herzen von
Quito konzentriert sich alle geistliche und weltliche Macht, hier ist die Geschichte
Quitos und Ekuadors allgegenwärtig, hier wird die Zukunft von Stadt und
Land gemacht.
Die schlichte Kathedrale nimmt die ganze südwestliche Seite des Platzes
ein. An der weiß getünchten Außenwand der Kirche sind Plaketten
angebracht, auf denen die Namen der spanischen Stadtgründer eingelassen
sind. Imposante Eingangsportale aus riesigen grauen Natursteinquadern führen
ins kühle Innere des Gotteshauses. Hier ruhen die Gebeine von Marschall
Sucre, dessen Truppen im Jahr 1822 in der entscheidenden Schlacht im Unabhängigkeitskrieg
gegen die Spanier siegten. Dem erfolgreichen Kampf verdankt Quitos Herz seinen
heutigen Namen.
Direkt gegenüber der Kathedrale liegt der liebevoll renovierte alte erzbischöfliche
Palast (Palacio del Arzobispo). Die kirchlichen Würdenträger haben
den kolonialen Bau jedoch längst zugunsten der Konsumgötter räumen
müssen: hinter den Arkadenbögen genießen Einheimische und Touristen
ein stilvolles Einkaufsambiente.
Im Nordwesten des Platzes steht der Sitz des ekuadorianischen Staatspräsidenten
und der Regierung, der Palacio Presidencial oder Palacio del Gobierno. Hinter
dem flachen, zweistöckigen Gebäude steigt die mächtige, dunkle
Silhouette des Vulkans Pichincha empor. Auf der gegenüberliegenden Seite
des Platzes wurde das moderne Rathaus der Stadt errichtet. Obwohl aus Beton,
harmoniert der Palacio Municipal ganz gut mit den historischen Bauten um ihn
herum.
Das Herz von Quito ist grün: eine kleine, gepflegte Parkanlage mit bunten
Orchideen und hohen Palmen inmitten des Häusermeeres, mehrere Wege führen
durch diese winzige Oase. Manchmal kann man hier sogar Kolibris dabei beobachten,
wie sie mit ihren bizarren, langen Schnäbeln Nektar aus tiefen Blütenkelchen
schlürfen.
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Das Herz von Quito ist dauernd in Bewegung: viele, ja unzählige, Menschen
passieren es jede Stunde, jeden Tag. Viele queren den Platz auf dem Weg zu
ihren Büros und Arbeitsstellen. Andere wollen in einem der umliegenden
Regierungsbehörden einen wichtigen Stempel oder ein dringend benötigtes
Papier abholen. Nahezu jeder Reiseführer über Quito beginnt den Rundgang
durch die ecuadorianische Hauptstadt an dieser Stelle. Daher brechen von hier
die Touristen auf, um die engen Straßen der malerischen, von der UNESCO
zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt zu erkunden. Beobachtet werden sie
dabei von den Rentnern, die es sich auf der einen oder anderen Bank bequem
gemacht haben und deren Gespräche sich um die goldenen aber vergangenen
Zeiten drehen. Indio-Frauen aus Otovalo mit ihren üppigen goldenen Halsketten
bewegen sich schwer bepackt zwischen den alten Gebäuden. Unentwegt versuchen
fliegende Händlern am Rande des Platzes und in den umliegenden Straßen,
Kaugummi, Erdnüsse, Haushaltswaren und bunte Handygehäuse an die
Frau oder den Mann zu bringen. Immer wieder jagen Kinder laut kreischend die
Tauben auseinander. Manchmal bleiben sie dabei abrupt - wie erstarrt - stehen – erschreckt
von der dunklen Gestalt eines Obdachlosen. Manche dieser Bettler hat das Alter
gebeugt, andere sind fast noch Kinder, alle aber tragen armselig, schmutzige
Kleider. Ihren Gesichtern sieht man die Not an. Und doch sind sie wie niemand
anderes verbunden mit dem Herzen Quitos: nachts, wenn sie auf einer der Bänke
ausgestreckt versuchen, zu schlafen und von einem Wunder zu träumen, oder
tagsüber, wenn sie die Sonne und das um sie herum tobende Leben auf diesem
Platz für Augenblicke aus vollen Zügen zu genießen scheinen.
Palacio de Carondelet (Palacio
Presidencial) -
(Foto:
Wikipedia)
Das Herz von Quito ist die Plaza de la Independencia, der Unabhängigkeitsplatz.
Quitos Herz mag zwar aus Stein sein, aber es ist voller Leben, voller Erinnerungen,
voller Emotionen und voller Visionen. Hier ist der Atem längst vergangener
Zeiten zu spüren, man kann innehalten und sich der Schönheit des
Augenblicks hingeben oder man hastet weiter, der Zukunft entgegen. Die Plaza
de la Independencia ist Zentrum, Motor und Spiegelbild dieser Stadt und dieses
kleinen Andenlandes. Wer ein wenig Ekuador und seine Menschen kennen und verstehen
lernen möchte, für den gibt es keinen besseren Ort als mitten im
Herzen von Quito: eine Parkbank auf der Plaza de la Independencia.