Gold und Silber: Ein Märchen aus der argentinisch-bolivianischen Grenzregion
Ein Märchen aus der argentinisch-bolivianischen Grenzregion
Vor vielen Jahren lebte ein kluger und mächtiger Häuptling.
Er gebot über viele Stämme und Länder. Weil der Häuptling
so klug war, kamen die Leute von weit her, um ihn um Rat zu fragen.
Auch als der große Krieg herrschte zwischen zwei Stämmen,
riefen ihn die verzweifelten Menschen um Hilfe. Er reiste viele Tage
lang um zu den verfeindeten Parteien zu gelangen. Der weise Mann
sprach sein Urteil und schlichtete den Streit. Dann kehrte er in
sein Dorf zurück. Geführt von der Weisheit ihres Häuptlings
lebten die Menschen lange Zeit gut und friedlich, sein Rat half,
die Kranken gesund zu pflegen, stiftete Frieden zwischen den Familien
und Stämmen und half, allen ein Auskommen zu geben.
So vergingen die Jahre. Der Häuptling wurde schließlich
alt und krank. "Ich bin alt und krank, ich kann nichts mehr
sehen, ich kann nichts mehr hören, ich kann nichts mehr sagen",
sagte der Weise. Die Menschen wurden nicht mehr zu ihm vorgelassen
und warteten vergeblich auf seinen Rat.
Schon bald machte sich der fehlende Einfluss des klugen Mannes überall
bemerkbar: die Felder wurden nicht mehr so sorgfältig bearbeitet
wie zuvor, so dass manchmal großer Hunger herrschte. Die Streitereien
nahmen zu, ja es kam sogar wieder zu Kriegen zwischen den Stämmen.
Schließlich wurde die Situation so schlimm, dass sich die anderen
Häuptlinge berieten, was nun zu tun sei. "Wir müssen
dem Alten helfen, dass er wieder gesund wird. Denn von seinem Rat
hängt ab, ob es uns allen gut geht!" Sie schickten einen
ihrer Söhne, einen jungen und klugen Krieger vom Stamm am großen
Fluss, zu der Tochter des Weisen, die ihn pflegte.
Er schilderte sein Anliegen und bat die junge Frau: "Frage
deinen Vater, ob es etwas gibt, was wir tun können, damit er
wieder zu Kräften kommt" Das Mädchen willigte ein
und ging zu dem alten Häuptling. "Lieber Vater, warum
bist du so schwach? Wie können wir dich wieder gesund bekommen?" Dieser
antwortete: "Ich bin alt und krank. Nur Blut vom Mond kann
meine Krankheit heilen. Denn wer vom Mondblut trinkt, wird gesund.
Und nur Blut von der Sonne kann mir meine Kräfte wieder zurückgeben.
Denn wer vom Sonnenblut trinkt, wird kräftig wie ein junger
Mann."
Seine Tochter überlegte und sprach: "Wir wollen zu Mond
uns Sonne gehen um Dir deine Medizin zu holen. Aber sag, Vater, wie
gelangen wir dort hin? Und wie bekommen wir das Blut von der Sonne
und das Blut vom Mond? Werden sie es uns freiwillig geben?" Der
Häuptling erklärte: "Ich habe acht Kondore als Diener.
Lasst euch von ihnen zum Himmel tragen. Blut vom Mond ist relativ
leicht zu bekommen. Man muss nur warten, bis Neumond ist. Dann hat
die Mondfrau ihre Regel. Das Blut, das sie dann verliert, muss man
dann mit einer Schüssel aus Edelstein auffangen." "Und
das Blut von der Sonne - wie erhalten wir das?" fragte das
Mädchen. "Das ist viel schwieriger", antwortete
der Alte. "Du musst den Sonnenmann heiraten. Denn erst wenn
Du mit ihm verwandt bist, wird er Dir von seinem Blut geben."
Die junge Frau kehrte zu dem Häuptlingssohn zurück und
erzählte im alles. Die beiden brachen sofort auf. Sie riefen
die riesigen Vögel herbei und ließen sich von ihnen hinauf
zum Himmel tragen. Und alles war so, wie der alte Häuptling
es vorausgesagt hatte. Zum Neumond war die Mondfrau vom Himmel verschwunden.
Sie hatte ihre Regel und sammelte das Blut in einem Gefäß.
Gerade als die Mondfrau es wegschütten wollte, kamen die beiden
jungen Menschen und baten sie um das Blut. Die Mondfrau war sehr
großzügig: "Nehmt es. Ich werde Euch in Zukunft
immer mein Blut auf die Erde hinab gießen." Die Häuptlingskinder
nahmen das Blut und füllten es in die mitgebrachte Schüssel
aus Edelstein. Dabei verschütteten sie etwas von dem Blut. Es
fiel zur Erde hinab und verwandelte sich dort – sobald es aufprallte – zu
Silber.
Dann gingen die beiden zum Sonnenmann. "Gib uns
etwas von deinem Blut, damit mein Vater wieder zu Kräften kommt",
bat ihn die Häuptlingstochter. "Ich gebe Dir etwas von
meinem Blut, wenn Du meine Frau wirst", antwortete der Sonnemann
so, wie es der kranke Weise prophezeit hatte. "Ja, ich will
Deine Frau werden", versprach ihm das Mädchen. Und so
geschah es. Der Sonnenmann stach sich daraufhin in den Arm, und
etwas von seinem Blut rann in einen kleinen Becher. Einige wenige
Tropfen aber gingen am Becher vorbei und fielen
hinunter auf die Erde. Dort verwandelten sie sich in Gold.
Der junge Krieger nahm den Becher mit dem Sonnenblut und die Schüssel
mit dem Mondblut und kehrte zu dem kranken alten Häuptling auf
die Erde zurück. Der Weise vermischte Sonnen- und Mondblut,
trank davon und wurde wieder gesund und kräftig wie ein junger
Mann. Seitdem gibt es auf der Erde Gold von der Sonne – nur
sehr wenig. Und seitdem gibt es auf der Erde auch Silber vom Mond – etwas
mehr als Gold.
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