Paraguay: Warum die Kröte so hässlich ist - Ein Märchen der Guaraní
Vor langer Zeit hatte die Kröte noch einen glatten, wunderschön
schimmernden Rücken und war sehr eitel. Eines Tages wurden die Kröte
und ihr Nachbar, der Urubú (eine in Südamerika lebende Geierart),
zu einer großen Fiesta eingeladen, die im Himmel der Tiere stattfinden
sollte. Alle bereiteten sich aufgeregt auf das Fest vor. Der Urubú schaute
bei der Kröte vorbei, die im Schilf ihre Stimme trainierte und ihre schönsten
Melodien sang.
Die Tiere begrüßten sich. Die Kröte platzte fast vor Stolz
und prahlte, dass man sie zu dem großen Fest wegen ihrer besonderen Sangeskünste
eingeladen habe. Hochnäsig fragte sie den Urubú, ob er denn auch
eine Einladung erhalten habe. Der Geier antwortete bescheiden, dass auch er
eingeladen worden sei, weil er auf der Fiesta mit seiner Gitarre spielen sollte.
Der Vogel mochte das aufgeblasene Gehabe seiner Nachbarin.
Am nächsten Morgen saß der Urubú auf einem kleinen Busch,
putzte sich und ordnete seine schwarzen Federn für die Reise zum Himmel
der Tiere. Neben dem Busch lag seine Gitarre, der große Vogel hatte das
Instrument die ganze Nacht lang sorgfältig gestimmt, damit es während
des Festes besonders schön klingt. Da kam die Kröte vorbei. Sie sagte,
dass sie sich schon jetzt auf den Weg zum Himmel der Tiere machen würde,
denn sie könne ja nur sehr langsam vorwärts hüpfen. Der Geier
schaute kurz auf und wünschte der Kröte eine gute Reise und widmete
sich dann wieder seinem Gefieder. Die Kröte aber nutzte den unbeobachteten
Moment und sprang in die Gitarre.
Aufgeregt und voller Vorfreude auf die große Party brach der Urubú zu
seinem Flug zum Himmel der Tiere auf. Dass seine Gitarre schwerer war als sonst
merkte er in der Aufregung gar nicht. Schon bald ließ er die Wolken hinter
sich, dann auch den Mond und die Sterne.
Als er am Ort des Festes ankam, fragten ihn die anderen Tiere nach der Kröte.
Der Geier antwortete, dass er nicht glaube dass die Kröte sobald ankommen
würde. Denn ihre winzigen Sprüngen würden wohl kaum ausreichen,
um in den Himmel der Tiere zu gelangen.
“Und warum hast du sie nicht mitgenommen?“ fragten ihn die anderen Tiere.
“Weil ich keine Lust habe, Steine zu schleppen“ antwortete
der Urubú mürrisch.
Er legte seine Gitarre neben sich und wartete auf den Moment, an dem es
die Musik endlich beginnen sollte.
Da sprang die Kröte plötzlich aus der Gitarre - direkt vor den Urubú – noch
aufgeblasener und stolzer als sonst. Die anderen Tiere begrüßten
die Kröte mit großen Hallo und viel Applaus. Und sie lachten den übertölpelten
Urubú aus.
Endlich begann die Fiesta. Es gab viel zu essen und alle amüsierten
sich prächtig. Sie tanzten, sangen und spielten lautstark ihre Lieblingsinstrumente – jeder
wollte sich auf dem Fest von seiner besten Seite zeigen. Inmitten dieses
Radaus zupfte der Urubú zufrieden seine Gitarre und die aufgeblasene
Kröte
quakte aus voller Brust ihre – nun ja – Melodien. Als das Fest
seinen Höhepunkt erreichte, versteckte sich die Kröte wieder
in der Gitarre des Urubús – denn sie wollte ja wieder zurück
auf die Erde.
Als das Fest zu Ende ging und alle sich voneinander verabschiedeten,
bemerkte niemand, dass die Kröte fehlte – niemand außer dem
Urubú.
Er war noch immer verstimmt darüber, dass die Kröte ihn so lächerlich
gemacht hatte. Als er zum Rückflug aufbrach spürte er das
zusätzliche Gewicht seiner Gitarre. Er flog weiter und schon bald
konnte er die Erde wieder erkennen. Als er unter dem Mond durchflog, sah
er im
fahlen
Licht des Mondes die Kröte, die zusammengekauert in ihrem Versteck hockte.
“Komm heraus!” rief der Urubú.
Die Kröte flehte ihn an, sie nicht hinaus zu werfen – und verkroch
sich voller Angst noch tiefer in die Gitarre. Wütend schüttelte der
Vogel das Instrument bis die Kröte schließlich herauspurzelte. Wie
Flügel bewegte sie ihre Beinchen in der Luft. Sie fiel sehr schnell, doch
da die Entfernung zum Boden noch sehr groß war, hatte sie genug Zeit,
nach unten zu schauen. Sie hoffte inständig, ins Wasser oder wenigstens
auf weichen Sand zu fallen.
Und tatsächlich sah sie eine Lagune direkt unter sich – doch der
Wind trieb sie ab. Dann war eine weiche Wiese unter ihr, dann das ausladende
Laubdach eines riesigen Baumes. Doch der Wind wehte sie weiter – entsetzt
erkannte die Kröte harte Wege und spitze Felsen rasend schnell näher
kommen. Schließlich krachte sie mit dem Rücken voran auf das harte
Pflaster eines Hofes. Es dauerte viele Tage bis die Kröte sich von diesem
Sturz erholt hatte. Doch der Aufprall war so hart gewesen, dass ihr ehemals
glatter, eleganter, glänzender Rücken von da an auf alle Zeiten mit
vielen Flecken und Buckeln übersäht ist.
Jetzt wisst ihr den Grund warum die warum die Kröte heute so hässlich
ist. Man erzählt sich auch, dass sie durch den Sturz auch ihre einstmals
so schöne Stimme verloren hat – allerdings gibt es dafür keinen
Beweis.