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Latinale 2006:
Verliebe dich niemals in ein Kilo Hackfleisch!

Teil 1: Verliebe dich niemals in ein Kilo Hackfleisch!

Von Sven Hoch

November in Berlin. Die Nacht ist kalt, windig und feucht. Am Hackeschen Markt hetze ich die Stufen zur Stadtbahn hinauf. Von oben schlägt mir bereits die gnadenlose Lautsprecherstimme entgegen: "Nach Spandauuuau - bidde zurrrück…bleiben!". Schon setzt die sonore Fanfare ein, die das Schließen der Türen ankündigt. Hechelnd schaffe ich es gerade noch, mich durch den letzten, winzigen Spalt in den Wagon zu zwängen. Der Wagen ist fast leer und ich lasse mich auf die erste freie Sitzbank fallen. Widerwillig setzt sich der Zug in Bewegung. Warum nur laufen in der S-Bahn die Heizungen immer auf Saunatemperatur? Während die Bahn gen Westen rumpelt, benetzt Nieselregen mit seinen feinen Tropfen die Fenster, sie brechen die Lichter der Stadt in tausend leuchtende Punkte. Leuchtende Stadt. Meine Gedanken fliegen zurück, schweben "Überland und Leuchtende Städte". So ist die Latinale 2006 überschrieben, das Festival der lateinamerikanischen Poesie, von dem ich gerade komme. Ein Fest der Lyrik, jung, mobil und bissig wie die beiden Kaimane auf Rädern von den Festivalplakaten, mit Lesungen in Berlin, Bonn und München.

Zwei Abende mit zwölf Autoren aus ganz Lateinamerika hinterlassen Eindrücke: bunt, verschwommen, klar, hell, dunkel, leise, schreiend, sanft und grell sind die Dichtungen, so unterschiedlich und vielfältig wie die unzähligen Lichter, die hinter der nassen Glasscheibe vorbeirauschen. Worte und Stimmen, Gesichter und Masken, Herz und Seele, Glanzpunkte und Schlaglichter. Was nimmt man mit? Was bleibt haften von einer solch intensiven Dosis kraftvoller, feiner Texte?

Bestimmt, dass es nicht gerade OK ist, mit Totenschädeln Fußball zu spielen. Das wir es dennoch leidenschaftlich tun - und die Schädel anschließend an Medizinstudenten verhökern. Nun ja, der Preis für solche Knochen steigt eben. Der Sarkasmus des chilenischen Dichters Germán Carrasco bohrt den Finger in die Wunden unserer Zeit, ist direkt, präzise und bitterböse – nicht nur in seinem Gedicht "El precio de los huesos".

Oder dass die tierische Wahrheit über die Spezies Mensch abwechselnd vorgetragen in Portuñol – diesem melodischen Kauderwelsch aus südamerikanischem Spanisch und brasilianischem Portugiesisch – und badischer Mundart Spaß macht, obwohl sie verdammt hart ist. Douglas Digues aus Brasilien und seine Übersetzerin Odile Kennel jedenfalls jonglieren rasend schnell mit Sprachen und Worten - und zeigen dabei auf dich.

Kaum zu vergessen auch der schillernde Auftritt der Pop- und Lyrik-Biene Dani Umpi, eingeflogen aus Uruguay. In knappem, gelb-schwarz geringeltem Outfit – ganz offensichtlich dem Bienenmann aus der Simpson-Zeichentrickserie entwendet – fliegt er zielsicher auf die Blüten der Scheinheiligkeit Hollywoods und koksender, neureicher Möchtegern-Feinschmecker. Und singt dann live – kokett mit den zarten Flügelchen schlagend - seine MTV-Hits.

Was noch? Dass wenn man etwas zu sehr beansprucht, es nicht mehr anspringt, es – ob Ehe oder Tag – kaum noch zu reparieren ist? Dass Pablo Neruda aus den Discotheken dieser Welt Glitzerkugeln für seine Globensammlung mitgehen lässt? Dass das Meer mehr ist als in Brüsseler Büros ausgeheckte Abkommen über Kabeljau und Seehecht, mehr als 12-Meilen-Zone und Fangkonzessionen? Dass eine kurze Abhandlung über Körperausscheidungen nicht unbedingt etwas Ekelerregendes sein muss? Dass manchmal nur die Erinnerung an ihre billigen engen Jeans überlebt und das einzige bleibt, was von einer innigen Beziehung übrig ist? So viele Eindrücke, so viele Worte, Gefühle und Ideen. Was nimmt man mit? Was bleibt haften?

Plötzlich verschwinden die Lichter der Stadt, weichen dem Dunkel des Tiergartens. Ich reibe mir die Augen. Momente später dann der trübe Bahnhof Zoo, der auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Aus der Hitze des Waggons wieder hinaus in die Kälte der Nacht. Es regnet noch immer. Die schreiend grelle Leuchtreklame des Mac Donald´s am Hardenbergplatz sticht aus dem Dunkeln hervor. Kleine, verzerrte Klone des gelben, geschwungenen “M“ lugen überall aus den Regenpfützen hervor. Aus dem Nichts höre ich mahnende Verse: "Verliebe dich niemals in ein Kilo Rindfleisch! … Niemals!...Nicht!" Woher? Aus dem Gedicht "Mac Donald´s", von Julián Herbert, vorgetragen vom Dichter selbst während der Latinale!

Das Festival hat Publikum und Autoren begeistert, das Instituto Cervantes war stets übervoll. Vielleicht hat jeder dieser Menschen etwas anderes aus dieser vielfältigen Poesie für sich entdeckt und mitgenommen? Vielleicht nur einen Satz, einen Vers, eine Geste, einen Ton. Jedenfalls etwas ganz Persönliches, etwas das haften bleibt. Kann man als Dichter mehr erreichen, mehr verlangen? Ich jedenfalls lasse – obwohl mir der Magen knurrt - den Fast-Food-Tempel links liegen.

Teil 1: Verliebe dich niemals in ein Kilo Hackfleisch!
Teil 2: Ein Gedicht von Dani Umpi: "gourmet"
Teil 3: Ein Gedicht von Fabían Casas: "Es wird gebaut"
Teil 4: Ein Gedicht von Nora Méndez: "Geschichte"
Latinale 2006: Allgemeine Informationen
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