Kolumbien: Der gestohlene Kuss ... und andere Juegos de Aguinaldos
Teil 1: Spiele in der Vorweihnachtszeit
Aus dem Augenwinkel heraus beobachtet Isabelita verstohlen Señora
Vasquez, die nur ein paar Schritte von ihr entfernt steht und telefoniert.
Sie bemerkt Isabelita nicht, die sich leise - auf Zehenspitzen - an sie heranschleicht.
Dann beendet Señora Vasquez das Telefongespräch und blickt noch
einen Moment gedankenversunken auf das blinkende Display ihres Handys. Auf
diese Gelegenheit hat Isabelita gewartet. Blitzschnell stürmt sie hervor
und schiebt ihren rot bestrumpften Fuß zwischen die in hohen Pumps
steckenden Füße der Señora. “Tres pies – Gewonnen,
ich habe gewonnen!”, ruft die Kleine ihrer verblüfften Mutter zu. “Mi
Aguinaldo – Meine Weihnachtsüberraschung bitte!”.
Wie überall auf der Welt putzen natürlich auch die Menschen in der
Millionenstadt Bogotá in der Vorweihnachtszeit ihre Häuser festlich
heraus, schmücken sie mit großen Sternen und bauen die Weihnachtskrippe
auf. Dennoch sind die Tage ab dem 16. Dezember in der kolumbianischen Metropole
etwas ganz Besonderes: es beginnt die “Novena de Aguinaldos”, die
erst mit der Mitternachtsmesse am Heiligabend endet.
Das spanische Wort Aguinaldo heißt soviel wie „Geschenk oder Überraschung,
die man zu Weihnachten überreicht“. Und genau darum geht es in diesen
neun Tagen: mit kleinen Aufmerksamkeiten den Menschen, die einen umgeben, zu
zeigen, dass man sie gern hat, dass man an sie denkt. Man spürt: in der
Novena de Aguinaldos nehmen sich die Bogotanos mehr Zeit füreinander als
sonst. Sie treffen sich im Kreise ihrer Familien, Freunde und Nachbarn, um
in Gebeten der Geburt Jesu Christi zu gedenken oder gemeinsam zu singen. Zauberhafte
Weihnachtslieder wie “Tutaina” oder “Mi burrito sabanero” klingen
aus den Häusern und Kirchen. Zu den liebenswürdigsten Traditionen
gehören zweifellos die Juegos de Aguinaldos, kleine Spielchen, mit denen
sich Kinder wie Erwachsene vergnügen.
Diese „Aguinaldos“ werden in der Regel zu zweit gespielt. Die
beiden Spieler legen bestimmte Spielregeln fest, und wetten dann um ein kleines
Weihnachtsgeschenk oder einen Gefallen, die derjenige erbringen muss, der die
vereinbarten Regeln nicht einhält. Es spielt Vater gegen Sohn, Mutter
gegen Tochter, Bruder gegen Schwester, Tante gegen Großvater, Freund
gegen Freundin. Kurz: jeder wettet gegen jeden. Der Phantasie sind dabei kaum
Grenzen gesetzt, es gibt unzählige Varianten. Zu den schönsten und
bekanntesten „Aguinaldos“ gehören sicherlich die folgenden
Spiele:
Ohne Worte (Hablar y no contestar)
Die beiden Mitspieler vereinbaren, über einen festgelegten Zeitraum -
z.B. einen Tag – keine Worte miteinander zu wechseln. Wer den anderen
trotzdem anspricht, muss dafür mit einem kleinen Geschenk bezahlen. Das
Spiel beginnt dann von neuem. Übrigens: wenn man zu jemandem etwas “Abstand” gewinnen
will, kann man das auf unauffällige Weise mit diesem Spiel gut bewerkstelligen.
Der gestohlene Kuss (El beso robado)
Es ist ohne Zweifel das schönste und mitunter aufregendste
Aguinaldo-Spiel, zumindest wenn man es mit jemandem spielen kann, den oder
die man besonders
mag. Es geht darum, sich von dem Spielpartner bzw. der Spielpartnerin auf keinen
Fall küssen zu lassen. Wer es dennoch schafft, seinen Gegner/seine Gegnerin
zu küssen, wird von dem oder der Geküssten mit einem weiteren kleinen
Geschenk belohnt. Kaum zu glauben: Es soll tatsächlich schon vorgekommen
sein, dass dieses Spiel mit Absicht verloren wurde. Wohin geküsst werden
darf, sollte man für - alle Fälle - vor Spielbeginn vereinbaren.
Ja und Nein” (Al Sí y al No)
Dieses Spiel ist denkbar einfach. Eine der beiden Spieler entscheidet
sich dafür, zu allem “Ja” zu sagen, der andere muss dann zu allem “Nein” sagen.
Die Spieldauer beträgt normalerweise 24 Stunden, jedoch kann auch jeder
andere Zeitraum vereinbart werden. Wer gegen die Abmachung verstößt
und das verbotene Wort (“Ja“ bzw. “Nein“) in den Mund
nimmt, hat den Sieger mit einer Weihnachtsüberraschung zu beglücken.
Dieses Aguinaldo ist sehr beliebt, denn wer geschickte Fragen stellt, kann
damit die eine oder andere elterliche Erlaubnis - z.B. fürs längere
Ausgehen - oder so manche Einladung herausholen.
Geben und nicht Nehmen” (Dar y no recibir)
Es ist vielleicht das älteste aller Aguinaldos, die spanischen Eroberer
brachten diesen Brauch aus ihrer Heimat mit in die neue Welt. Und darum geht
es: jeder der Spieler bietet dem anderen Geschenke, Leckereien oder sonstige
Dinge an, von denen er weiß, das der andere genau dafür eine Schwäche
hat. Aber es ist für beide strengstens verboten, irgendetwas von den verlockenden
Angeboten des Spielpartners anzunehmen. Wer den Versuchungen dennoch erliegt,
hat verloren und muss den anderen mit einem “Aguinaldo”, einem
Weihnachtsgeschenk, entlohnen.
“Pajita en la boca”
Jeder der beiden Mitspieler muss während der abgesprochenen Spielzeit
stets ein kleines Stück Holz im Mund haben. Am besten eignet sich dafür
ein Stückchen eines Zahnstochers oder Streichholzes. Die zwei Spieler
müssen jederzeit darauf vorbereitet sein, dass sie vom anderen mit den
Worten “Pajita en la boca” gerufen werden könnten. Dann muss
der/die Angesprochene seinen/ihren Mund öffnen und beweisen, dass er/sie
das Holzstückchen auch tatsächlich darin hat. Wenn nicht, hat er/sie
verloren und muss dem Spielpartner eine schöne Weihnachtsüberraschung
bereiten.
“Drei Füße” (Tres Pies)
Hier ist Schnelligkeit gefragt. Wenn man seinen Gegner mehr oder
weniger breitbeinig stehend antrifft, gilt es die Gunst des Augenblicks zu
nutzen.
Denn um zu gewinnen,
muss man seinen Fuß schnell zwischen die Füße des Unvorsichtigen
stellen und rufen “Tres pies – Ich habe gewonnen!”. Dann
muss der andere Spieler ein Präsent rausrücken und das Spiel beginnt
von vorn.
Isabelita hat übrigens von ihrer Mutter ihr “Aguinaldo“, ihre
Weihnachtsüberraschung bekommen. Das Mädchen träumte stets davon,
einmal Schlittschuh laufen zu können. Das ist in Bogotá nun wirklich
nichts Alltägliches. Aber in einem riesigen Einkaufzentrum im Norden der
Stadt hatte man zu Weihnachten eine Eisfläche installiert. Señora
Vasquez konnte ihre Spielschuld begleichen und wurde obendrein mit einem fröhlichen
Lachen ihrer glücklichen Tochter belohnt. Was kann man sich zu Weihnachten
mehr wünschen?
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