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28.08.2009
Peru:

"La Ortiga": Tumber Rassismus oder geniale Satire?

Der peruanische Journalist Andrés Bedoya Ugarteche fragt sich, warum der Präsident des Landes noch zögert, endlich Napalmbomben auf Indigene werfen zu lassen, die gegen die Ausbeutung ihres Lebensraumes protestieren. Nun wurde er selbst gebrandmarkt: als Autor des mutmaßlich rassistischsten Artikels, der in den vergangenen 12 Monaten weltweit veröffentlicht wurde. Dabei könnten seine Worte auch ganz anders verstanden werden. Von Sven Hoch.

Beschimfpungen als "Rassist" und "Nazi" wie in diese Kariaktur aus einer Studentenzeitung "El Estandar Social" sind nichts neues für den peruanischen Journalisten Andrés Bedoya Ugarteche. Er liebt es zu provozieren und "angefeindet" zu werden. So kann er den Finger richtig tief in gesellschaftliche und politische Wunden bohren - und auf diese Weise überfällige Diskussionen anzuheizen.
(© Javier Martell, elestandarsocial.com )

Aufmerksam wirkt er, der ältere Herr, wie er da lächelt, aus übergroßen Brillengläsern lugt. Wie ein netter Opa – soweit man das nach dem kleinen Foto auf der Internetseite der peruanischen Zeitung „Correo“ beurteilen kann. Man mag es nicht glauben, dass sich hinter dieser so harmlos erscheinenden Fassade ein Hassprediger der übelsten Sorte verbergen soll. Einer, glaubt man den meist nicht minder polemischen Kommentaren vieler Leser, der über ein ähnlich perverses Gedankengut wie einst ein Joseph Goebbels verfügt.

Der ältere Herr ist tatsächlich Großvater. Er heißt Andrés Bedoya Ugarteche, hat die siebzig schon seit längerem überschritten und ist dennoch noch immer Kolumnist der “Correo“, einer angesehenen Tageszeitung aus Lima. In seiner Kolumne „La Ortiga“ zieht Bedoya Ugarteche jeden Donnerstag aufs Neue mit abstrusen, dumpf nationalistischen, erzkonservativen, höchst provokativen Pamphleten gegen alle und jeden auf dem politischen Parkett Perus ins Feld. Dabei scheinen u.a. Kommunisten, Soziologen, Männer mit Schurbärten und die sich selbst “Nativos“ (Eingeborene) nennenden indigenen Bevölkerungsgruppen Perus zu den Lieblingszielen seiner beißenden Attacken zu zählen.

Nicht wirklich überraschend also, dass einer seiner Artikel, nämlich ¡Pobrecitos chunchos! y otras torpezas“, (veröffentlicht am 13. Juni 2009 in der “Correo“), jetzt von der britischen Organisation Survival, die sich für den Schutz und die Rechte der indigenen Völker einsetzt, mit dem “Preis des rassistischsten Artikels des letzten Jahres” ausgezeichnet – besser: gebrandmarkt - worden ist. Kein Zweifel: Bedoya Ugarteche hat sich diesen Preis wahrlich verdient!

Denn in seinem Artikel bezeichnet der aus der südperuanischen Stadt Arequipa stammende Bedoya Ugarteche Indigene als „Wilde”, „steinzeitlich” und „primitiv”. Behauptet, ihre Sprache bestünde aus kaum mehr als achtzig Wörtern. Mutmaßt, dass die Proteste der indigenen Bevölkerungsgruppen gegen die Ausbeutung ihres Lebensraums in der peruanischen Amazonasregion von „kommunistischen Exkrementen” manipuliert worden seien. Lästert über drei indigene Abgeordnete des peruanischen Parlaments ab, indem er sich über ihre Namen lustig macht und über die „drei Sternchen in der parlamentarischen Kloake” herzieht. Und so weiter. Eine Kostprobe gefällig? Ein Ausschnitt aus Bedoyas Ugarteches Artikel: „Jene unter Euch, die noch immer denken, dass diese „ethnischen Gruppen” „gut”, „naiv” und „rein” seien, möchte ich daran erinnern, dass es genau diese Leute waren, die sich auf die Kunst verstanden, ihre Feinde einen Kopf kürzer zu machen und selbige anschließend an ihren Gürteln trugen, die ihren Lendenschurz hielten. Wenn die „Eingeborenen” die Polizisten in den jüngsten Protesten nicht geköpft und anschließend verzehrt haben, dann nur, weil ihnen dazu keine Zeit geblieben sei.“ Mehr davon? Hier Bedoya Ugarteches Antwort auf die Proteste der Indigenen gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf ihrem Land ist: „Verp***t Euch Ihr Lendenschurzträger!” Und dann, ganz am Ende dann dieser eine Satz mit der Sprengkraft von fünf Megatonnen TNT: „Ich weiß nicht, was Alan (gemeint ist der peruanische Präsident Alan Garcia) davon abhält, die Luftwaffe mit dem nötigen Napalm auszustatten.”

Weltweit schlagen nun die Wellen der Empörung über dem peruanischen Kolumnisten und seiner Zeitung zusammen. Wie Geier stürzen sich überall nun Gutmenschen wie z.B. Stephen Corry, Direktor von Survival, auf Bedoya Ugarteche und die “Correo“. O-Ton Corry: „Dieser Artikel ist für jeden erdrückend, der glaubt, dass Zeitungen ihre Leser bilden und informieren sollten. Wir hoffen, dass El Correo über die öffentliche Reaktion auf diesen Artikel ihr Handeln noch einmal überdenkt und nicht noch einmal so offensives Gedankengut druckt.” Dem ist nichts hinzuzufügen. Wirklich nicht?

Liest man den umstrittenen Artikel ein zweites und vielleicht ein drittes Mal, merkt man, dass der auch ganz anders interpretiert werden. Ist es nicht vielmehr ein vor Sarkasmus triefender Text, der die tiefe Verachtung, die die städtische Mittel- und Oberschicht Perus gegenüber den indigenen Völkern empfindet, genau mit den drastischen Worten offenlegt, wie sie tatsächlich tagtäglich von diesen Leuten gefühlt und gelebt wird. Entlarvt Bedoya Ugarteche nicht die wahre Gesinnung des Präsidenten Alan Garcia und seine Regierung, also genau der Personen, die die indigenen Proteste gegen die Ausbeutung ihres Lebensraumes haben zusammenschießen lassen, mit einem einzigen Satz schonungslos: “Ich weiß nicht, was Alan davon abhält, die Luftwaffe mit dem nötigen Napalm auszustatten.” Genau das hätte Alan womöglich am liebsten getan. Kann er nun aber nicht mehr – denn die Welt schaut jetzt für eine Weile genauer hin, was denn so in Peru vor sich geht. Nicht zuletzt, weil ein peruanischer Journalist den Preis für den rassistischsten Artikel der letzten 12 Monate von einer Organisation verliehen bekommen hat, die seinen Text gar nicht so richtig verstanden hat. Denn der ist vielleicht gar nicht so rassistisch, sondern vielmehr ein bitterböses aber glasklares Spiegelbild der gesellschaftlichen Gegenwart Perus! Und mit der “Auszeichnung“ von Survival hat Bedoya_Ugarteche womöglich genau das erreicht, was er erreichen wollte: eine heiße Diskussion hat begonnen!

Info zum "Preis für den rassistischsten Artikel des Jahres”

Der Preis für den „rassistischsten Artikel des Jahres” ist Teil von Survival Internationals „Stamp it Out” Kampagne, die darauf abzielt, rassistische Darstellungen in den Medien weltweit anzufechten. Der Gewinner bekommt ein Zeugnis mit einem Zitat aus Lakota Sioux von Luther Standing Bear: „Die jahrelange Bezeichnung des Indianers als Wilden hat aus ihm nie einen gemacht.”

„Stamp it Out” wird von bedeutenden Journalisten wie dem BBC World Affairs Korrespondenten John Simpson, George Monbiot, John Vidal, und dem Bestseller-Autoren Tim Butcher und Simon Garfield unterstützt.

Linkfoto: Javier Martell, elestandarsocial.com

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