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21.08.2009
Lateinamerika:

Die Jaguar-Korridor-Initiative

Es ist die größte Raubkatze der beiden Amerikas, bei vielen indigenen Völkern Mittel- und Südamerikas wird sie als Fabelwesen oder sogar als Gottheit verehrt. Dennoch ist der Jaguar akut vom Aussterben bedroht. Eine bemerkenswerte Initiative, eine Allianz aus einheimischer Bevölkerung, Naturschützern, unabhängige Organisationen und Regierungsstellen, versucht, die herrlichen Tiere zu retten.

Mystisch und durchdringend ist Blick des Jaguars. Den geschmeidigen Jäger bekommt man in der freien Wildbahn kaum zu Gesicht: er ist nachaktiv und aus gutem Grund menschenscheu.
(© Michael Klenetsky, Fotolia)

Stolz zeigt Hector auf das goldgelbene Fell mit den markanten dunklen Flecken. Wie ein wertvolles Gemälde ziert es die weißgetünchte Wand des bescheidenen Hauses irgendwo in den Ausläufern der Sierra Nevade de Santa Marta. Ein Kalb und einen Esel hatte der Jaguar in der Nachbarschaft schon gerissen, als Hector und die anderen beschlossen, das Tier zu erlegen. Nächtelang lauerten sie der Raubkatze vergeblich auf. Endlich tauchte das geschmeidige Tier auf einem seiner nächtlichen Streifzüge zwischen den Bäumen vor ihnen auf. Hector schoss sofort. Die beiden Kugeln töteten den Jaguar augenblicklich. Sofort weideten die Jäger den Kadaver aus, teilten das Fleisch unter sich auf– es gilt als Delikatesse. Hector stand das Fell des Jaguars zu.

Ähnliche Geschichten erzählen die Menschen an vielen Orten Lateinamerikas. Sie zeugen von einem Kampf auf Leben und Tod. Es scheint ums nackte Überleben zu gehen beim Kampf zwischen Mensch und Jaguar. Tatsächlich dringen Felder und Viehweiden immer tiefer in den Lebensraum des mystischen Raubtieres vor, zerschneiden sein Habitat. Viele Jaguarpopulationen sind so bereits voneinander isoliert. Meistens sind es Kleinbauern, die die abgelegenen Gebiete in und um die noch intakten Gebiete der Regen- und Nebelwälder zuerst kolonisieren – sie leben mitten in den Jagdrevieren der wenigen verbliebenen Raubkatzen. Diese Siedler jagen den Jaguar unerbittlich – er bedrohe ihre Nutztiere sagen sie. Von vielen erschossenen Tiere ist überall die Rede.

Doch nicht nur die Jagd, auch die genetische Isolation bedroht die Existenz des Jaguars. Gleich einem Flickenteppich liegen die verbliebenen Rückzugsräume der Großkatze über Zentral- und Südamerika verteilt – zu groß sind nittlerweile die Abstände zwischen den Revieren, als das die Tiere sie überwinden könnten. Wissenschaftler und Naturschützer sind sich seit Jahren einig, dass für das Überleben dieser Tierart die Schaffung sog. “genetischer Korridore“ zwischen den einzelnen Populationen eine zentrale Voraussetzung ist: die Jaguar-Korridor-Initiative war geboren. Nichtregierungsorganisationen wie die Fundación Panthera, Nationalparks und Regierungsstellen versuchen seitdem, diesen Plan umzusetzen. Neben Grundlagenstudien über Verhalten und Wanderrouten des scheuen Jägers ist die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung entscheidend für den nachhaltigen Erfolg der Bemühungen. Es gilt, die Landnutzung so zu entwickeln, dass die Korridore für wandernde Jaguare gefahrlos offen bleiben.

In der Sierra Nevada de Santa Martha hat die dortige Nationalparkverwaltung und regierungsunabhängige Naturschutzorganisationen mit der hier heimischen indigenen Bevölkerung Kamaras mit Wärmesensoren installiert, die automatisch auslösen, wenn ein Tier in der Nähe ist. So konnte man nicht nur den „Spuren“ des Jaguars folgen, sondern gewann auch Erkenntnisse über viele andere Tierarten. Basierend auf diesen Daten soll nun der erste „Jaguar“-Korridor zwischen zwei Schutzgebieten im Norden Kolumbiens eingerichtet werden. Ähnliche Projekte gibt es in Mittel-und Südamerika. So arbeitet die Fundación Panthera schon seit Jahren für zusammenhängende Jaguarschutzgebiete im größten Feuchtgebiet des Kontinents, dem Pantanal in Brasilien und in mehreren Ländern Zentralamerikas. Grundlagenuntersuchungen und Planungen sind bereits weit fortgeschritten, wie die Karte über die aktuellen Lebensräume und die projektierten Jaguar-Korridore zeigt. Bleibt zu hoffen, dass die Regierenden und vor allem die Menschen in den betroffenen Gebieten für das Projekt gewonnen werden: denn von deren Verhalten und Landnutzung wird es entscheidend abhängen, ob die Jaguar-Korridor-Initiative ihr Ziel erreicht: das Überleben eines der faszinierendsten Raubkatzen der Erde.

Linkfoto: © Earl Robbins, Fotolia.de

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